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Marcel Reich-Ranicki im Theater : M. R.-Rrrrrrrrrr!

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Marcel Reich-Ranicki war leidenschaftlicher Theatergänger. Meist war er nicht zu überhören. Seine lebhaften Besuche im Schauspielhaus Frankfurt sind unvergessen.

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          Dass Marcel Reich-Ranicki ein weltberühmter, großer, geliebter, gehasster, bewunderter, fernseh- wie printvirtuoser Literaturkritiker war, der mühelos die Taxifahrer-Plaudergegenstandsprüfung noch im hinterletzten schwäbischen Winkel bestand („Ah sooo, Sie kommat voo d’ Effazett, do kennat Se beschdimmt d’ Reich-Ranicki, wissat Se, deen mit d’r groaßa Gosch, der emm’r ib’r Büach’r schwätzt!“) – das versteht sich nachrufhalber ja von selbst. Dass Marcel Reich-Ranicki aber nicht nur Kritiker, sondern auch ein eminenter Theatraliker war, sollte man nicht nur seinen vielgerühmten Auftritten als donnernder Zeus oder schwärmerischer Amor beim weiland „Literarischen Quartett“ auf der Fernsehbühne ablesen.

          Man darf es auch nicht der Tatsache allein zuguteschreiben, dass es keinen Publizisten in Deutschland zu keiner Zeit gab, der derartig parodiert, nachgemacht, auf sämtlichen Kabarett-Heroen-Zungen genüsslich-saftig zum imitatorischen Nachbeben und somit ins unsterbliche Nachleben gezogen wurde wie unser M. R.-R. – mit dem charakteristisch rollenden Rrrrrrrr!, das in einem sagenhaft rauschenden Lispeln sich verströmte, mit dunkelhartem Reibeisen-Timbre unterzuckert. Nein, seine tollste szenische Wirkung erzielte der gute Literaturkritiker, wenn er ins schlechte Theater ging.

          Wenn er zum Beispiel im Frankfurter Schauspiel sich zuzeiten die Schandtaten des älteren oder neueren Regisseurstheaters antat. Er betrat den Raum an der Seite seiner auffällig unauffälligen zarten Frau Tosia, wenn alles schon Platz genommen hatte: wie ein König. Der Mann, der als junger Bub im Berlin der Gründgens, Minetti, Krauß, Dorsch, George, Gold, Kayssler und Caspar das Theater der großen Schauspieler förmlich inhalierte, bis die Nazis den Juden Marcel Reich-Ranicki vertrieben, gab jetzt dem Frankfurt der mimischen N.N. die Ehre – der zwar nicht ganz namenlosen, aber doch sehr mittelprächtigen Schauspieler.

          Nachdem er nach allen Seiten huldvoll grüßend in der naturgemäß ersten Reihe Platz genommen hatte, begann, sobald der Vorhang sich hob, seine Inszenierung – im Parkett. Die rechte Hand wanderte schon, wenn die ersten Krampfschreie von droben ertönten und Blut und Hoden sich entfalteten, an die große freiliegende Stirn unterm mächtigen Schädel des Gewaltigen. Der nun unter lebhafter bis amüsierter Anteilnahme des ganzen Auditoriums den massigen Kopf hin- und herzuwiegen begann, immer von der stirnlagernden Hand bewegt. Wozu hie und da ein gequält stöhnendes „Rrrrrrrrr!“ aus seinem Munde drang, das sich durchaus auch zu einem „Scheißdrrrrrrrreck!“ vollalphabetisieren konnte. Was er dann in der Pause in wohlsortierte Argumentationsschimpfkanonaden erweiterte, die er allen, die sie hören wollten (und es wollten alle), darbot. Wenn Marcel Reich-Ranicki im Theater war, war das Theater weniger langweilig. Danke, M. R.-R.!

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