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Mao-Geburtstag : Der Tyrann wird wieder lebendig

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Im heutigen China wird Mao für diverse politische, aber auch hemmungslos für kommerzielle Zwecke genutzt. Das Land schwankt in seinem Urteil. Bild: AFP

China bereitet sich auf den hundertzwanzigsten Geburtstag Mao Tse-tungs vor: Neuerdings soll dieser dabei helfen, den Übergang zu vermehrter Marktwirtschaft konfliktfrei zu gestalten.

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          Es wird einige Zeit nicht klar, was bei dem Stück „Mao Tse-tung und sein älterer Sohn“ der Mehrwert des Theaters ist. Das im Rahmen der Feierlichkeiten zu Maos 120.Geburtstag (26.Dezember) in der Pekinger Oper uraufgeführte Werk, das den Despoten auf kalt berechnende Weise als Gemüts- und Familienmenschen zeigt, greift auf die gleichnamige Serie im Staatsfernsehen zurück. Auf einer LED-Wand im Rücken der Schauspieler laufen im Wechsel mit auf- oder untergehenden Sonnen in einem fort die rührendsten Szenen daraus, während die Leute vorn auf der Bühne den elektronischen Bilderstrom dann noch einmal in natura spiegeln.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hätte man sich nicht mit der Fernsehfassung, die keinen propagandistischen Wunsch offenlässt, begnügen können? Maos Sohn Anying war in der Sowjetunion aufgewachsen, und das Stück zeigt, wie Mao den gerade zurückgekehrten jungen Offizier zwecks Sinisierung erst mal zu den beschwingt arbeitenden Bauern schickt und dann trauert, als der Sohn während des Koreakriegs von einer Bombe getroffen wird und stirbt. Das Private und das Politische fließen in das von Mao überlieferte Wort zusammen: „Die Söhne des Volkes können ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergießen. Warum soll das nicht auch meiner können?“

          Nachstellung alter Propagandaplakate

          Vorher sieht man den Sohn seinem gemütlich im Sessel sitzenden Vater die Füße waschen und, von hinten an ihn herantretend, die Haare kämmen. Doch warum das Ganze noch mal zur Bühneninszenierung verarbeitet wurde, erschließt sich erst bei einer Schlachtenszene, bei der man die Soldaten auf dem Bildschirm im Kampfesgetöse wild durcheinanderlaufen sieht – die Schauspieler aber erstarren vorn auf der Bühne zum Heldendenkmal, in exakt der gleichen heroischen Pose, die man von Gemälden und Skulpturen aus der maoistischen Zeit her kennt.

          Das also ist die erste Antwort auf die Frage nach dem Theatermehrwert in dieser neuen Pekinger Multimedia-Ästhetik: Die physische Präsenz lebendiger Schauspieler ist notwendig, um die alten Propagandaplakate nachzustellen. In der von Kapitalismus, Hollywood und Silicon Valley durchdrungenen chinesischen Gegenwart ist die Mao-Ästhetik nur noch ein Zitat, allerdings eines, das nach wie vor so unironisch und omnipräsent ist, dass es schon einiger Anstrengung bedarf, um überhaupt die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

          Mao-Porträt am Platz des Himmlischen Friedens

          Die zweite Antwort kommt erst gegen Ende der Inszenierung: Der wie die meisten in China populären Mao-Doppelgänger verblüffend ähnliche Hauptdarsteller hält eine flammende Rede vom Bühnenrand – und das Publikum klatscht, als hätte es den leibhaftigen Vorsitzenden vor sich. Der Effekt wird noch deutlicher, als sich die Schauspieler am Ende alle zusammen verbeugen und nur Mao erst von einem uniformierten Adjutanten nach vorn gebeten werden muss, um, ohne eine Miene zu verziehen und mit seiner charakteristischen leichten Winkbewegung der rechten Hand, die Ovationen entgegenzunehmen. Als der Regisseur auf die Bühne kommt, ergreift der Hauptdarsteller als Einziger seine Hand, um sich, offenbar im Namen der Partei und der gesamten Nation, bei ihm zu bedanken. Kein Zweifel, das war nicht mehr irgendein Schauspieler oder Lookalike, das war der lebendige Mao. Der bis dahin unauffällig neben dem Berichterstatter sitzende Mann mit Schlägermütze reckt die Faust in die Höhe, aber nur kurz, als sei er selbst über seine spontane Gefühlsaufwallung erschrocken.

          Die Zuschauer im durchaus nicht ausverkauften Theatersaal der Pekinger Oper waren Zeugen einer von jenen vielen kontrollierten Verlebendigungen Mao Tse-tungs, die China kurz vor dessen 120.Geburtstag heimsuchen. Für die Kommunistische Partei ist das Jubiläum ein ambivalentes Ereignis, was der Parteichef Xi Jinping in die Formel kleidete, der Tag solle „feierlich, einfach und pragmatisch“ begangen werden. Xis Vater Xi Zhongxun, ein Revolutionsveteran mit reformerischen Neigungen, war von Mao fallengelassen worden und verbrachte einen guten Teil der Kulturrevolution im Gefängnis. Doch sein Sohn sagte in seiner Eigenschaft als Staatspräsident, Mao zu negieren bedeute, die Geschichte, die Führung durch die Partei und das sozialistische System zu negieren; die Epochen vor und nach Maos Tod dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Parteizeitung „Renmin Ribao“ folgerte daraus, es gelte „die Fehler Maos in seinen späten Jahren weder zu vertuschen noch überzubetonen“.

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