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Hochhäuser in Mannheim : Architektur in Großbuchstaben

Mein Haus, das hat viele Ecken und ein Loch dazu: Der Entwurf des Büros MVRDV für das Hochhaus O oder auch Orbit, das der Investor RVI in der New Franklin City in Mannheim errichtet. Bild: Copyright: MVRDV

In Mannheim entstehen vier Hochhäuser in Buchstabenform, zusammen ergeben sie das Wort HOME. Eine Idee der Rotterdamer Architekten MVRDV, deren Potential noch längst nicht ausgereizt ist.

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          Subtilität und Umsturz schließen sich bekanntlich aus. Kein Wunder also, dass im Zuge der Französischen Revolution das Konzept der Architecture parlante ersonnen wurde. Häuser sollten künftig mit ihrer Ge­stalt ganz eindeutig von der Nutzung künden. Claude-Nicolas Ledoux und seine baumeisterlichen Gesinnungsgenossen entwarfen beispielsweise einen Tempel der Erde, der ei­nem Globus nachempfunden war.

          So richtig durchgesetzt hat sich das Prinzip dann doch nicht. Aber hin und wieder finden sich sendungsbewusste Bauherren und Architekten, die Form und Funktion in eins fallen lassen. Etwa im Fall des International Neuro­science Institute in Hannover, dessen Form an die eines menschlichen Gehirns angelehnt ist. Oder im Fall des Naturinformationszentrums ne­ben der Bergstation der Karwendelbahn, das sich in Form eines Riesen-Fernrohrs präsentiert.

          Das derzeit überaus angesagte Architekturbüro MVRDV aus Rotterdam würde sich auf solche Brachialsymbolik wohl nie einlassen. Aber sprechen lassen möchten die drei Bürogründer, aus de­ren Initialen sich der konsonanten­reiche Name zusammensetzt, ihre Häuser irgendwie schon. An den Fassaden ihres preisgekrönten Gebäudes namens Werk 12 in München durften Künstler geschosshohe Großbuch­stabenfolgen wie WOW und HMPF aus der Welt der Comics an­bringen.

          Mannheim geht auf Vorschlag der niederländischen Stararchitekten um Vordenker Winy Maas nun ei­nen entscheidenden Schritt weiter auf dem Weg zur sprechenden Architektur: Auf dem Areal der ehemaligen amerikanischen Ka­serne namens Frank­lin entstehen vier Wohnhochhäuser, deren Gestalt je­weils einen Buchstaben darstellt. MVRDV selbst planen ein O und ein M, zwei andere Büros ein H und ein E. Macht, den richtigen Blickwinkel vorausgesetzt, das Wort Home. Damit kein Mannheimer die schrift­liche Botschaft am Horizont übersieht, sind die Häuser gemäß der positiven Lebenseinstellung der Architekten sehr farbenfroh gestaltet. Das am Mittwoch stolz präsentierte fünfzehngeschossige O, das mit dem Loch in seiner Mitte be­sonders spektakulär ausfällt, kommt nachtblau daher, das H gelb, das M rot und das E weiß.

          Eindeutige Botschaft: Die vier Hochhäuser in den Formen H, O, M und E ergeben Home, zumindest, wenn man aus der richtigen Himmelsrichtung schaut.
          Eindeutige Botschaft: Die vier Hochhäuser in den Formen H, O, M und E ergeben Home, zumindest, wenn man aus der richtigen Himmelsrichtung schaut. : Bild: Copyright: MVRDV

          Die Idee, dem Wort Großbuchstabe eine ganz neue Be­deutung zu geben, ist ausbaufähig. Städte könnten künftig darum wetteifern, wer das längste Wort baut oder gar einen ganzen Satz hinbekommt. Denkbar wäre auch, die Na­men von verdienten Oberbürgermeistern zu ver­ewigen. München könnte sich je nach Investitionsvolumen zwischen Ude und Kronawitter entscheiden. Nur die Berliner wollen wir zur Zu­rückhaltung mahnen. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Rechtschreibfehler bauen.

          Sie könnten stattdessen einen Vorschlag der Rotterdamer Architekten aufgreifen, der laut Maas für Mannheim „zu viel“ gewesen ist: Die Türme sollten ursprünglich menschliche Köpfe nachbilden, gedacht war von MVRDV an einen Mount Rushmore in Beton und Glas. Doch Vorsicht: Das würde wohl auch Donald Trump gefallen.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

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