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Mankell über Gaza : In einem Boot

  • -Aktualisiert am

„Ich habe etwas, das sie nicht haben”, sprach Henning Mankell zu seinen Journalisten Bild: ddp

Bei einer Pressekonferenz sprach Henning Mankell über seinen Aufenthalt an Bord eines der sechs Schiffe der Gaza-Flottille und den brutalen Kampfeinsatz der israelischen Marine, den er aus nächster Nähe miterlebt haben will. Sein neuster Kriminalfall rückte in den Hintergrund.

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          „Am liebsten wäre Wallander gar nicht mitgefahren“, heißt es im Pressetext zu Henning Mankells neuestem Kriminalfall, aus dem der schwedische Autor in der Berliner Volksbühne lesen sollte und in dem es, kurz gesagt, um einen illegalen und politisch brisanten U-BootEinsatz in schwedischen Hoheitsgewässern geht. „Ich würde jederzeit wieder mitfahren“, sagte Mankell jetzt bei der Pressekonferenz, zu der sein Verlag noch vor der Lesung aus aktuellem Anlass geladen hatte. Denn Mankell war als Aktivist an Bord eines der sechs Schiffe der Gaza-Flottille. Es hieß, er habe den brutalen Kampfeinsatz der israelischen Marine, bei dem neun Menschen starben, aus nächster Nähe miterlebt und mit den anderen Aktivisten in einem israelischen Gefängnis interniert gewesen.

          Nun also saß er da, müde, die weiße Mähne schüttelnd, sich seiner Rolle als Botschafter eines selbst erlittenen und von den Medien buschfeuerartig verbreiteten Schreckens bewusst: „Ich habe etwas, das Sie nicht haben“, sprach der Zeuge, und noch in dieser Rolle erwies sich Mankell als gewiefter Verkäufer von Worten: „Ich habe Dinge gesehen, die Sie nicht gesehen haben. Ich habe Dinge gehört, die Sie nicht gehört haben. Ich verspreche Ihnen eines: Ich erzähle Ihnen nichts als die Wahrheit.“

          „Plötzlich wurden wir attackiert!“

          Das Deklamationsgewitter verfehlte seine Wirkung nicht. Doch man konnte sich stoßen am Kalkül dieses seltsamen Laienprozesses. Der Kronzeuge, instinktsicher. „Plötzlich wurden wir attackiert!“, rief Mankell und hob die Hände theatralisch über den Kopf. Dabei hatte er sich nicht an Bord der „Mavi Marmara“, des türkischen Unglücksschiffs, befunden, sondern auf dem schwedischen Frachter „Sophia“, der, beladen mit Fertighäusern, einen Kilometer vom Ort der Eskalation entfernt war. Um vier Uhr sei er aus dem Schlaf gerissen worden, als israelische Einheiten die „Sophia“ geentert hätten. Ein Aktivist sei von einer Paintball-Kugel getroffen, ein anderer mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt worden. Was genau sich auf dem Nachbarschiff zugetragen hat, konnte Mankell nicht sehen. Waffen habe er auf Seiten der Aktivisten keine bemerkt und - „Ich schwöre bei Gott!“ - auch keine antisemitische Propaganda auf dem „Ship to Gaza“ zu hören bekommen.

          Doch mit wem hat Mankell da eigentlich in einem Boot gesessen? Die türkisch-islamische Hilfsorganisation IHH ist westlichen Nachrichtendiensten schon lange ein Dorn im Auge und gehört aufgrund ihrer Kontakte zu dschihadistischen Terrorgruppen nicht zu den als ideologisch unbedenklich geltenden Organisationen, die im Nahen Osten humanitäre Einsätze durchführen. Ein Journalist wollte deshalb wissen, ob Mankell sich nicht etwas naiv in den Dienst einer radikalen Gruppe mit antisemitischem Hintergrund gestellt habe. Als dann noch Lenins Wendung von den „nützlichen Idioten“ fiel, wurde der Schriftsteller wütend. Er sei kein „unkritischer Hamas-Freund“ polterte er. Ob das heißt, dass er ein kritischer Hamas-Freund ist, konnte nicht geklärt werden.

          Mankell wirft dem israelischen Militär Kidnapping und Mord vor und wünscht sich den Fall vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag. „Ich bin mit dem Konflikt in Israel geboren und werde nicht mit ihm sterben“, sagte der Starautor vom Jahrgang 1948. „Darum müssen die Parteien endlich miteinander reden.“ Trotz der Katastrophe auf hoher See sah Mankell in Berlin ganz zufrieden aus. Während er im Geiste schon neue Schiffe nach Gaza schickt, muss Wallander vorerst vor der schwedischen Küste im Trüben fischen.

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