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Manifest für Europa : Es lebe der Streit!

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Eine Rekonstruktion des Westgiebels des Parthenons: Athene und Poseidon streiten darum, wer Schutzgottheit der Stadt Athen werden soll. Bild: IAM / akg-images

Was will es sein, dieses Europa: Ein Herr- und Knecht-Europa? Eine Konsumgüter-Handelszone? Manifest für ein Europa, das endlich einen Begriff von sich selbst findet.

          Die größte Krise des Euro ist zu einer großen Krise der Idee Europas geworden. Von Totengräberei, Bruch, Zerstörung ist die Rede, von Spaltung, Teilung, Rückfall. Es ist eine geistige Krise, weil der Kontinent kein Bewusstsein von sich als Einheit und, hegelianisch gesprochen, auch keinen Begriff seiner selbst hat.

          Heute irrt Europa begriffs- und bewusstlos herum. Was will es sein, dieses Europa: Ein Herr- und Knecht-Europa? Eine Konsumgüter-Handelszone? Ein Europa als Warenhaus mit unterschiedlichen Stockwerken für reiche und arme Länder? Eine Erbengemeinschaft von 28 Kulturnationen, deren Geschichte sich ihr durch ihre Kunstwerke, Musik und Literatur vermittelt?

          Über die zur Zeit aufgeführte Tragödie der Beleidigungen, Verdächtigungen, Vertrauensverluste und revanchistischen Gelüste scheint der krisengebeutelte Kontinent einen seiner größten philosophischen Paten vergessen zu haben: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Keiner eignet sich momentan, da wir aufs neue in das überwunden geglaubte Freund-Feind-Schema abzurutschen drohen, besser zum Bannerträger der Idee Europas als Hegel.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Der berühmte Hegel-Schüler Eduard Gans, Jurist, Rechtsphilosoph und Historiker, drückt den Kerngedanken seines Lehrers lapidar so aus: „Die Idee Europas begreifen“. Was ist denn die Idee Europas? Sie ist für Hegel identisch mit der Idee der Freiheit. Die Freiheit ist für Hegel ein dynamischer, dialektischer Prozess. Europa ist ein Kontinent der Freiheit, die sich durch Synthese von Unterschied und Einheit, durch die Harmonie in der Vielfalt ausdrückt.

          Die europäische Geschichte verdankt sich der außergewöhnlichen Fähigkeit zur Empörung angesichts der Bedrohung der Freiheit. Ihr wohnt die dramatische Entschlossenheit inne, alle Hindernisse, die der Freiheit im Wege stehen, niederzureißen und neue, ganz andere Handlungsräume, Lebens- und Reflexionsformen hervorzubringen.

          Freiheit ist kein Idyll

          Die Freiheit als Grundidee Europas stellt aber keinen idyllischen Zustand dar. Ihrem Wesen nach ist sie an die Fähigkeit zum Streit und Widerspruch gebunden. Europa ist streit- und empörungsfähig. Die Negation mündet jedoch nicht in die Zerstörung, sondern in eine höhere Synthese. Dabei geht es nicht darum, nach Lösungen zu suchen, die den Streit einfach beilegen würden, sondern darum, einen ganz neuen Seinszustand hervorzubringen, in dem der Widerspruch, der Konflikt, wie Hegel sagt, „aufgehoben“ wird.

          Hegels Idee der Freiheit ist agonal. Sie impliziert Streit und Widerspruch. Sie ist keine tote Einheit zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen. Die starre Unterwerfung des Einzelnen unter das Allgemeine ist die Unfreiheit. Der Konflikt des Verschiedenen ist die Voraussetzung dafür, dass die Versöhnung erreicht wird. Die Freiheit muss erkämpft werden durch Konflikte hindurch. Sie ist nicht einfach gegeben.

          Es stehen sich dieser Tage scheinbar unversöhnliche Gegensätze gegenüber. Sie machen keineswegs an den nationalstaatlichen Grenzen Halt und spalten auch innerhalb der Länder die einzelnen Gesellschaften in ideelle Gefolgschaften – und das anhand folgender Fragen: Verstehen wir unter Staat ein Rechtsprodukt mit Regeln und Verträgen oder ein Projekt eines wie auch immer bestimmten Volkswillens? Fassen wir die Gesellschafts- als Wirtschaftsordnung neoliberal oder sozial auf?

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