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Manifest für Europa : Es lebe der Streit!

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Zentral für Hegels Philosophie ist der „Begriff“. Die Schönheit ist der im Sinnlichen sich manifestierende Begriff. Hegels Begriff ist nichts Abstraktes. Er ist die lebendige, belebende Form, die die Realität, durch diese hindurch-greifend, durchformt. Er vereinigt deren widerstreitende Teile zu einer lebendigen Ganzheit. Die durch den Begriff gebildete Ganzheit be-greift alles in sich. Im Begriff ist alles schön in-begriffen. Der Begriff ist der Inbegriff des Schönen. Schön ist die Versammlung auf das Eine, die „tausend Einzelheiten aus ihrer Zerstreuung zurückzurufen, um sie zu einem Ausdruck und einer Gestalt zu konzentrieren“ vermag.

Epochenwende 1989
Epochenwende 1989 : Bild: F.A.Z.

Der Begriff ist versammelnd, vermittelnd und versöhnend. Er stiftet Frieden und Freiheit. So hat er es „mit einem Haufen nicht zu tun“. Kein „Haufen“ ist schön. Es gibt keinen Wahrheitshaufen. Die Wahrheit ist nicht häufig. Sie ist ein seltenes Ereignis. Der Begriff sorgt dafür, dass das Ganze nicht zu einem Haufen zerfällt und sich zerstreut. Europa droht heute zu einem Haufen von rivalisierenden Nationalstaaten zu zerfallen.

So ist Europa momentan weder schön noch wahr. Einschläfernde Lösungen, die bloß ein Problem notdürftig beseitigen und weitere Probleme verursachen, sind nicht in der Lage, einen neuen, höheren Zustand hervorzubringen. Hegels Negation bringt durch den Streit, Widerspruch und Konflikt hindurch eine höhere Position hervor. Die heutige Krise Europas wird nur zu überwinden sein, wenn sie sich zu einer inneren demokratischen Erneuerung entschließt.

Der momentane Krisendiskurs der Europäer ist alles andere als dialektisch. Ihm fehlt der Geist der Versöhnung. Gegenwärtige Konflikte werden nur dann gelöst werden können, wenn Europa sich umbildet und einen neuen Zustand, eine neue Konstellation, ein neues Gerüst formt. Ganz unhegelianisch gesprochen: Die EU müsste als organisches Gebilde ihren Paternalismus aufgeben und das Vertrauen der Völker gewinnen.

Der Andere ist notwendig und konstitutiv für das Eigene

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Eine Einheit Europas als Einheit der Gegensätze seiner Mitgliedsstaaten wäre – als Identität, die die Nicht-Identität des Anderen in sich aufhebt – im Hegelschen Sinne gelebte Freiheit. Ein solches ideales Europa verstünde die Anerkennung unterschiedlicher mentaler Konfigurationen, die im Prozess des dialogischen Prinzips vermittelt werden, als Chance zu einer höheren Einheit. Der Andere ist notwendig und konstitutiv für das Eigene. Oder mit Martin Buber gesagt: Ohne Du kein Ich, ohne Euch kein Wir, ohne Dazwischen kein Ganzes.

Heute sollte man Hegel ganz anders lesen als es etwa Derrida, Deleuze oder Bataille gelehrt haben. Hegel ist ein Philosoph der Versöhnung, Freiheit und Vernunft. Die berühmte „Rückkehr zu sich“ ist keine gewaltsame Aneignung des Anderen, sondern die Gabe des Anderen, der ich mein Selbst verdanke. Der Geist heiß: „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“, so Hegel in „Phänomenologie des Geistes“.

Wer im Prozess ist, ist nicht tot

Wer angesichts der just begonnenen, mit Mühsal und Verletzungen verbundenen Vermittlungsarbeit vom Ende Europas spricht, hat wenig begriffen – zumindest wenig von den Begriffen Hegels. Dialektische Prozesse erfordern Zeit, Gelassenheit und Geduld, Entschlossenheit und Enthusiasmus. Sie setzen es voraus, Schmerz auszuhalten. Sie brechen Ordnungen auf. Sie bringen Verunsicherungen mit sich. Sie bringen neue Prozesse, neue Zustände, neue Konstellationen, neue Organisationen hervor und sind per se selbstschöpferisch. Was nicht in permanentem Prozess mit sich ist, ist nicht, ist tot. Es ist weder lebendig noch wahrheitsfähig.

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