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Manifest für Europa : Es lebe der Streit!

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Hier nun beginnt die spekulative Vernunft die Einseitigkeit der Bestimmung des Seienden zu erkennen und zu negieren. Negation heißt für Hegel keine Zerstörung, sondern die Überwindung der Krise oder des Widerspruches. Diese Negation, die zur Freiheit führt, darf Europa sein eigen nennen. Und eben genau sie macht den Wesenskern der Hegelschen Philosophie aus.

Schon 2012 forderte der in Europa kaum bekannte Nachwuchspolitiker Alexis Tsipras in einem TV-Interview eine Gegenstrategie gegen die deutsche Europa-Strategie. „Deutschland“, sagte er „strebt die Hegemonie über Europa an.“ Tsipras trat für ein Europa der Völker ein – was die Negation des Europas der Bruttoinlandsprodukte ist. Germanische Hegemonie gegen lateinisches Imperium: die Kampfbegriffe fordern zu einer Entscheidung auf. Was nun?

Europa: ein Haufen rivalisierender Nationalstaaten? Finanzminister Wolfgang Schäuble in Brüssel
Europa: ein Haufen rivalisierender Nationalstaaten? Finanzminister Wolfgang Schäuble in Brüssel : Bild: Reuters

Die wirkliche Hegemonie ist nicht Deutschlands Vorherrschaft über Europa, sondern die Hegemonie des Kapitals, der sich Deutschland vorbildhaft unterwirft, die sich nun auch Griechenland zu unterwerfen sucht. Europa muss heute zu sich selbst, zu seinem eigenen Begriff, zu seiner Idee der Freiheit zurückfinden gegen die Hegemonie des Kapitals. Freiheit ist nur in einem Zustand möglich, in dem es keine Hegemonie mehr gibt. Jede Form von Hegemonie zerstört Freiheit, Wahrheit und Versöhnung, die für Hegel Synonyme sind.

Hegel und die Versöhnung der Gegensätze zur Synthese einer spekulativen Wahrheit liefert das geistige Werkzeug, das dem Kontinent immer schon zugute kam: die Fähigkeit zur Dialektik, zum demokratischen Diskurs. Streit, Debatte, Diskussion und Öffentlichkeit, Kritik und Kompromiss sind die Grundprinzipien der europäischen Demokratie. Aufhebung der Gegensätze heißt Vermittlung der Knecht- und der Herrschaft zu einem für alle gleichermaßen unbefriedigenden Kompromiss. Sie ist Friedensschluss im Hegelschen und Friedensfeier im Hölderlinschen Sinne.

Oder hilft Hölderlin?

Der bloße Gegenentwurf des „mittelmeerischen Denkens“ und eines „lateinischen Imperiums“ ist ebenso wenig auf Versöhnung ausgerichtet. Er entspricht nicht dem Hegelschen Geist der Freiheit und Versöhnung. Er bringt nur eine zerstörerische, das heißt undialektische Negation hervor. Hegels dialektische Negation hingegen ist immer versöhnend und somit befreiend. Sie bringt einen Zustand der Erlösung hervor, in dem Konflikte nicht verschleiert, sondern tatsächlich aufgehoben, ja ausgerungen sind. Dies ist der Augenblick der Wahrheit.

In der „Hymne an die Göttin der Harmonie“ schreibt Hölderlin:

Siehe, Stolz und Hader ist vernichtet,

Trug ist nun und blinde Lüge stumm,

Streng ist Licht und Finsternis gesichtet,

Rein der Wahrheit stilles Heiligtum.

Unsrer Wünsche Kampf ist

                                       ausgerungen,

Himmelsruh’ errang der heiße Streit,

Und die priesterlichen Huldigungen

Lohnet göttliche Genügsamkeit.

Das Potential zur Revolte, welches sich in den politischen Protest- und Parteibewegungen der Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien offenbart, schafft die Möglichkeit zur Herbeiführung eines mit sich versöhnten Europa, einer wahren Harmonie. Europas Stärke war seit jeher die Vielfalt seiner Kulturen und die Kreativität seiner Geistesströmungen. Es funktioniert dauerhaft nur als kulturelles Konstrukt, und dafür muss es sich, mit Hegel gedacht, selbst auf den Begriff bringen. Um es aber mit sich zu versöhnen, muss sich Europa als ein sich selbst bewusst werdender Raum begreifen – dessen Form zugleich Inhalt ist.

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