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Manifest für Europa : Es lebe der Streit!

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So konfrontativ verlaufen derzeit die Fronten – und mit hoher Sensibilität für den Stereotypenverdacht einer Verkürzung von Komplexität könnte man noch anfügen: Es stehen die Erbbestände des weströmischen und jene des oströmischen Reichs einander gegenüber, es stehen die Mentalitäten des Säkularismus und Laizismus im Westen gegen jene der patriarchalen Orthodoxie im Osten, es steht eine calvinistisch geprägte Erwerbs- und Arbeitsethik mit den Prinzipien Leistung und Effizienz im Norden dem eher dionysischen Prinzip eines epikureischen Individualwohls im Süden gegenüber.

Alexis Tsipras: für ein Europa der Völker, nicht der Bruttoinlandsprodukte
Alexis Tsipras: für ein Europa der Völker, nicht der Bruttoinlandsprodukte : Bild: AP

Im Ringen um Griechenlands Zukunft ist gut zu erkennen, dass in diesem Konflikt zwei Weltbilder aufeinanderprallen, zwei Weltanschauungen, zwei Wahrnehmungsformen. Es hat sich, kurz gesagt, der Gegensatz von Legalität und Legitimität etabliert; von verfahrensdemokratischem und substanzialistischem Demokratieverständnis; von Repräsentation und Plebiszit, Regel-Absolutismus und Regel-Anarchie.

Deutschland und Griechenland stellen dieser Tage die Prototypen der tiefliegenden Bewusstseinszustände dar. Geht es Deutschland in Gestalt seiner gewählten Regierung vor allem um die Ordnung des Rechts, geht es Griechenland in Gestalt seiner gewählten Regierung um Würde. Geht es Deutschland um rechtliche Verträge, geht es Griechenland um soziale Verträge. Man könnte sagen: Griechenland (und Teile Spaniens und Italiens) als Vertreter des Süd-Denkens befinden sich im Widerspruch vor allem zu Deutschland als Vertreter des Nord-Denkens. Auf Ordnung und Institutionalismus folgt nun die Revolte gegen diese Ordnung.

Viele Ressentiments und Vorbehalte, die lange Zeit im Untergrund des südlichen Euro-Raums waberten, wurden schlagartig zum Begriff, als der italienische Philosoph Giorgio Agamben vor zwei Jahren in der französischen Zeitung „Libération“ einen Essay veröffentlichte, der in allen Ländern Europas gewaltige Resonanz erfuhr. Agambens kurzer Aufsatz brachte die Idee eines „lateinischen Imperiums“ gegen die deutsche Dominanz in Stellung und forderte einen „Gegenangriff“ der Südländer.

Ist das „lateinische Imperium“ die Rettung?

Die Klagen über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Vorherrschaft der Deutschen schallten zu diesem Zeitpunkt schon lange durch den Resonanzraum des Kontinents, und in Agambens Wahrnehmung steht Europa kurz vor dem Zerfall, stehen die Länder der Europäischen Union am Scheideweg. Für Agamben bietet das „lateinische Imperium“ all das auf und an, was dem heutigen, angeblich von Deutschland beherrschten Europa fehlt: namentlich Kultur, Sprache und Lebensform.

Gesellschaften sind immer schon soziokulturell geprägt. Menschen sind normativ verfasste Wesen, die immer schon in eine ihnen vorgängige Welt, in vorgängige soziale Kontexte, präfigurierte Wertvorstellungen und Handlungsmuster geboren werden. Es spuken durchs Geschäft der bürokratisch rationalen, pragmatisch-nüchternen Verhandlung derzeit die kulturellen Erbschaften der Völker: ihre Moral, ihr kultureller Traditionsbestand, ihre Normen, Werte und ihr Bewusstsein.

Auch wenn es bei den Verhandlungen der Euro-Zone mit Griechenland in den vergangenen Wochen und Monaten vordergründig um Geld und Zusagen ging, so geht es im eigentlichen doch immer um Ethik und Kultur. Ohne Kenntnis seiner kulturgeschichtlichen Grammatik kann ein Volk nicht gelesen und dessen Wille nicht verstanden werden. Seine Sprache, wiewohl gelernt, bleibt unübersetzbar. Das polyglotte Europa aber kann erst mit einer Stimme sprechen, wenn sich seine Mitglieder jenseits des puren Vokabulars verstehen.

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