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Mangas : Die haben uns alle lieb

  • -Aktualisiert am

Japanische Mangas werden immer beliebter Bild: dpa

Augen wie Seenrosenteiche und Sternenstaub unter den Wimpern: Nach dem erfogreichen Jungen-Magazin "Banzai!" gibt es die japanischen Comics jetzt auch speziell für Mädchen. "Daisuki" heißt das neue Format, zu Deutsch: "Ich hab Dich lieb".

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          Im runderneuerten "Playboy" hat der Schauspieler Ralf Moeller, aus dem Kino als wortkarger Muskelmann bekannt, jüngst den Satz verraten, mit dem er jeden Flirt eröffnet: "Seit ich deine blauen Augen gesehen habe, weiß ich, wie Seen aussehen sollen." Ralf Moeller muß heimlich "Daisuki" lesen, das neue Manga-Magazin aus dem Carlsen Verlag. Darin haben Frauen und Mädchen Augen wie Seerosenteiche, und selbst unter den Wimpern manches männlichen Helden funkelt Sternenstaub.

          "Daisuki" (sprich: "dei-ski") ist japanisch und heißt "Ich hab dich lieb". Das zweihundertfünfzig Seiten starke Monatsheft versammelt japanische Comics (Manga) speziell für Mädchen zwischen zehn und siebzehn Jahren. Damit ergänzt "Daisuki" das Magazin "Banzai!", das auf Jungen im gleichen Alter ausgerichtet ist. Bereits "Banzai!" und die von Egmont Manga und Anime (EMA) vor einem Jahr gestartete Zeitschrift "Manga Power", die auf knapp fünfhundert Seiten bis zu dreizehn Serien pro Monat fortsetzt und damit eine verkaufte Auflage von dreißigtausend Stück erreicht, folgten dem Vorbild des japanischen Comic-Marktes. Dort muß eine Bildergeschichte sich in einem von mehreren hundert Wochenmagazinen bewähren, bevor sie als Taschenbuch aufgelegt wird.

          Die erste Ausgabe von "Daisuki" enthält ein kleines Wörterbuch für Einsteiger: von "Ai" (Liebe) bis "Shojo" (Mädchen) und - ganz wichtig: "kawaii", das heißt: "niedlich". Shojo-Manga wirken auf den ersten Blick hoffnungslos überzuckert. Blütenblätter schneien durch die Hintergründe. Jungen erscheinen stets schlank und androgyn, Mädchen mit Glanzlichtern in riesigen Augen und latent untergewichtig. Eine traditionelle Regel des Genres verbiete es, so die Japanologin Jacqueline Berndt, "äußerlich häßliche Gestalten zu zeigen". Für Nebenrollen werden Ausnahmen gemacht.

          Doch der schematischen Verniedlichung der Figuren steht eine beachtliche Freiheit der erzählerischen Mittel gegenüber. Während Shonen-Manga für Jungen meist klar gegliedert und actionbetont die Handlung vorantreiben, sprengen Shojo-Manga oft das Bildraster. Szenen werden assoziativ ineinandergeblendet, Texte außerhalb der Sprechblasen teilen Hintergedanken der Figuren mit, und wenn die Emotionen kochen, dürfen harmonische Gesichtszüge auch mal entgleisen. Gefühle bestimmen, was wirklich ist: Die Heldin von "Skip Beat", der aktuellen Serie in "Daisuki", sieht sich in einem Moment der Verzweiflung von Tiefseefischen umringt. Sie wünscht sich ein Poster ihres Pop-Idols, und eine Hand wächst aus ihrem Mund, um nach dem Bild zu grabschen. Ally McBeal ist hier in die Schule gegangen.

          Manga haben ihrerseits früh westliche Einflüsse aufgenommen. Ein Klassiker des Genres, Riyoko Ikedas "Die Rose von Versailles" (1972), spielt am Hof Ludwig XVI. zur Zeit der Französischen Revolution. In "Daisuki" ermittelt der Detektiv und Giftmischer "Count Cain" im viktorianischen London. Die Musterschülerin aus der Serie "Kare Kano" liebt Vampirgeschichten von Anne Rice. Alltags- und Schulhofgeschichten stellen den größten Anteil der Serien. Die Leserinnen wollen sich in den Comics wiedererkennen, ergab vorab eine Studie.

          Was aber reizt deutsche Fans an Schuluniformen und strikter sozialer Hierarchie? Die Probleme ihrer Helden seien nicht exotisch, meint Christina Plaka, Autorin und Zeichnerin der einzigen deutschen Serie im Heft, doch das stärker von Tradition und Moral geprägte Verhältnis, das etwa japanische Jugendliche zu ihren Eltern hätten, verleihe den Konflikten mehr Tiefe und Dramatik. Mit neunzehn Jahren gehört Plaka, die im letzten Jahr bei einem Wettbewerb auf der Leipziger Buchmesse entdeckt wurde, zur ersten Generation, die hierzulande bewußt mit japanischen Comics und Trickfilmen aufgewachsen ist. Die Älteren sahen "Kimba" oder "Heidi", meist ohne die fernöstliche Herkunft zu kennen. Einen Manga in Deutschland spielen zu lassen? Nein, unvorstellbar, sagt Plaka, daß ihre Figuren einander mit "Hallo, Jürgen" anreden sollten. Oder: Hallo, Ralf!

          Die Leserinnen, die ihre Serie "Prussian Blue" nach dem Favoriten "Fruits Basket" auf Rang zwei gewählt haben, schreiben Christina Plaka gelegentlich mit der ehrerbietigen Anrede "Sensei" an. Auf den Mode-, Musik- und Leserbriefseiten des Heftes kann man beobachten, wie rund um die Comics eine eigene Kultur heranwächst. In der Startnummer gaben die Redakteurinnen in kurzen Steckbriefen auch ihre Blutgruppen an, die in Japan wie Sternzeichen gedeutet werden. Und die Fans verwenden in E-Mails und Chat-Foren einen eigenen Smiley, für den man nicht - wie ehemals :-) - den Kopf schieflegen muß. Das neue Emoticon ist den beim Lächeln zugekniffenen Augen der Figuren nachempfunden: Ù_Ù.

          Die erste Ausgabe von "Daisuki" wurde zum Einführungspreis von drei Euro 37 000 mal gekauft. Von der vierten Ausgabe an im Mai kostet das Heft fünf Euro wie "Banzai!", das inzwischen eine verkaufte Auflage von rund 85 000 hat. Zum vierten Mal in Folge konnte Carlsen seinen Umsatz mit Manga und Co. auf rund 19,5 Millionen Euro im Jahr 2002 verdoppeln. Der Konkurrent EMA will am Konzept der "Manga Power" festhalten, die Shonen- und Shojo-Manga für Jugendliche und junge Erwachsene enthält. EMA hat seinen Umsatz mit Manga letztes Jahr mehr als verdoppelt.

          Für den September kündigt Georg Tempel, Leiter des Comic-Bereichs bei Egmont Ehapa, ebenfalls ein neues Monatsheft an. "Manga Twister", ausgelegt auf eine Zielgruppe von neun bis sechzehn Jahren, wird ein Magazin für Jungen, die heimlich Mädchen-Manga lesen (und umgekehrt), sich beim Kauf aber nicht outen möchten. Kawaii oder cool - für manche Fans ist das eine Frage der Ehre.

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