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Zum Tod von Manfred Deix : Das Antlitz Österreichs in der Unterhose suchend

Wen man nicht erledigen kann, den macht man zum Staatskünstler: Deix im Jahr 2008. Bild: Peter Rigaud/laif

Erfolg mit einem Geschäftsmodell, das nichts und niemanden verschonte: Der Zeichner Manfred Deix fand in Österreichs und Deutschlands Abgründen die Vorbilder für seine berüchtigten Karikaturen.

          Der Beruf des Samenspenders, befand Manfred Deix einst in der „Titanic“, sei „ins Gerede“ gekommen. Dabei sei das doch einer der wenigen Berufe, aus denen man tiefe Befriedigung ziehen könne. Und die Mutter sagt zu den Kindern, sie sollten leise sein, um den durch einen Spalt der geöffneten Tür bei der Arbeit sichtbaren Vater nicht zu stören. Nicht lustig? Doch schon, jedenfalls für ein Millionenpublikum, das sich der österreichische Karikaturist im Lauf einer vier Jahrzehnte währenden Karriere erworben und bei Laune gehalten hat.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Und zwar mit schonungsloser Deutlichkeit. Deix wollte verletzen, und dazu ritt er so gut wie jedes Tabu zuschanden, das ihm in die Quere kam – mit Ausnahme des Propheten Mohammed vielleicht, vor dessen islamistischen Vollstreckern er Angst hatte. So weit wollte er es dann doch nicht bringen, am Ende noch ermordet zu werden wegen eines Propheten, der ihn gar nicht interessierte. Was ihn zum Zeichnen brachte, das waren seine Landsleute, die er im Gasthaus seiner Eltern von Kindesbeinen an sah, in Böheimkirchen nahe St.Pölten, das, als Manfred Deix dort am 22. Februar 1949 geboren wurde, der Inbegriff tiefer Provinz war. Heute ist es Landeshauptstadt, und Böheimkirchen nennt sich „Wohlfühlort“.

          Gesellschaftskritik trifft Zote

          Deix’ kunstakademische Feldzüge waren lang, aber ergebnislos. Seine Vorbilder fand er sowohl unter den Mitbegründern der Neuen Frankfurter Schule, Hans Traxler, F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und anderen, als auch bei Robert Crumb. Gesellschaftskritik trifft Zote, der Kampf gegen das Establishment generiert g’schlamperte Verhältnisse. Debütiert hat Deix ausgerechnet bei der „Niederösterreichischen Kirchenzeitung“, aber bald schwamm der Viel-Fernseher und Katzenliebhaber auf einer Welle des Erfolgs. Mit seiner beispiellosen Auftragslage versorgte er Zeitungen und Magazine unterschiedlichster politischer Couleur, darunter in seiner Heimat „Profil“, „Trend“, „News“, die „Neue Kronenzeitung“, in Deutschland den „Stern“, „Titanic“, „Spiegel“, „Pardon“ und „Playboy“. Mit seiner Disziplinlosigkeit in Sachen Abgabeterminen brachte er Kohorten von Redakteuren ins Schwitzen, getreu seinem Motto „Ich zeichne, rauche, saufe“.

          Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind weder zufällig noch unerwünscht: „Beach Baby“, ein Werk aus dem Jahr 2000.

          Er war nicht nur überall, er war auch Kunst. Es folgten Sammelbände, Einzelausstellungen (Paris, Tokio, New York, Frankfurt) und ein eigener Flügel mit Dauerausstellung in dem von ihm mitbegründeten Karikaturen-Museum in Krems – überall wollte man seine ekelhaften Österreicher und hässlichen Deutschen sehen. Nichts ist erwünschter als Wiederholung, und so blieb der Wesenskern seiner Bilder, wenn man es vornehm sagen wollte, die Erkundung dessen, was Karl Kraus „das österreichische Antlitz“ genannt hat.

          Ein Monstrositätenkabinett von Deixfiguren

          Nur, dass Deix dieses Antlitz in den unteren Regionen des Körpers lokalisierte, in den Feuchtgebieten und zwischen den Fettringen, in gelb-braunen Unterhosen und Furunkeln – mithin im Ekel, der zwar einerseits vorführte und anklagte, der sich aber gern als Moralismus feiern ließ, auch wo längst nur mehr noch eine Erfolgsmarke bespielt wurde, und wenn es auf den Etiketten von Bierflaschen oder Softdrinks war. Freilich, Deix verkämpfte sich auch leidenschaftlich im Klein-Klein der österreichischen Politik, drosch auf den FPÖ-Gründer Jörg Haider ein, verhöhnte kirchliche Würdenträger, zog Arnold Schwarzenegger durch den Kakao, veräppelte die Schwulenbewegung, leuchtete in die Schlafzimmer und spießte Latex-Phantasien auf, entblößte alte und neue Nazis, degenerierte Herrenmenschen, Ausländerhasser und immer so weiter, bis am Ende ein Monstrositätenkabinett entstanden war, dessen Figuren einen so hohen Wiedererkennungswert in der Wirklichkeit hatten, dass sich dafür das Wort „Deixfigur“ etablierte. Wem so etwas gelingt, der bleibt.

          Österreich wandte im Falle Deix die bewährte Methode an – was man nicht erledigen kann, muss man zum Staatskünstler erheben: Man überhäufte ihn mit Auszeichnungen. Am Samstag ist Manfred Deix im Alter von siebenundsechzig Jahren gestorben, und es ist sehr bedauerlich, dass er seine Beerdigung nicht zeichnen kann. Das Bild hätte man zu gern gesehen.

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