https://www.faz.net/-gqz-ovo0

Malerei : Werner Tübke ist tot

  • -Aktualisiert am

Werner Tübke, 1929 - 2004 Bild: dpa

Der Leipziger Maler Werner Tübke, der am Donnerstag gestorben ist, paßte mit seiner beispiellosen Extravaganz nicht in die Kunstschubladen. Sein berühmtes Monumentalwerk über den Bauernkrieg zeigt ein apokalyptisches Welttheater.

          7 Min.

          Es sind gerade erst ein paar Wochen her, da starb überraschend Wolfgang Mattheuer. Nach langer schwerer Krankheit folgte ihm am Donnerstag abend Werner Tübke. Er wäre Ende Juli 75 Jahre alt geworden. Jetzt lebt nur noch Bernhard Heisig, der Älteste im berühmten Dreigestirn der "Leipziger Schule", die trotz aller Anfeindungen längst ein markantes Stück Kunstgeschichte darstellt.

          Die Bekanntschaft mit dem bedeutenden Werk dieser Maler ist dem Publikum im Westen der Republik auch nach der Wende von einem bornierten Kunst- und Museumsestablishment vorenthalten worden. Während man bereitwillig die Ausstellungsbühne für neuseeländische, südafrikanische oder rotchinesische Kunst freiräumt, hatte nach 1989 bis zum heutigen Tag keiner der drei großen Maler aus Leipzig die Möglichkeit eines größeren Auftritts in einem westdeutschen Museum. Dabei denkt das Publikum anders. Es bestürmte im letzten Jahr die Schau "Kunst aus der DDR" in der Berliner Nationalgalerie. Noch in der letzten Woche wurden in Tübkes Bauernkriegspanorama im entlegenen Bad Frankenhausen über tausend Besucher pro Tag gezählt.

          Bekannter in Italien

          Im kunstbegabteren Italien ist de Maler heute bekannter als in der Bundesrepublik. Zu den Sternstunden seines wechselvollen Lebens gehörte ein Besuch bei Giorgio de Chirico in dessen Wohnung an der Spanischen Treppe in Rom. Der Maler Renato Guttuso hatte den Besuch vermittelt. Guttuso, so erzählte Tübke einmal, sei nach Durchsicht seiner Zeichnungsmappe eher "verlegen" gewesen. De Chirico habe sie dagegen gleich akzeptiert. Auf Anregung seiner Frau habe der greise Maler eigene frühe Zeichnungen neben Tübkes Blätter gelegt und zufrieden gesagt: "Es gibt noch einen!" Tübke war damit von höchster Instanz als "Deutschrömer" kanonisiert. Es gibt in der Tat Chirico-Bilder wie etwa "Orest und Elektra" von 1923, die wie Brückenköpfe zwischen Böcklin und Tübke erscheinen.

          Werner Tübke 1989 im Panorama-Museum in Bad Frankenhausen, wo sein Monumentalbild über den Bauernaufstand 1525 installiert wird
          Werner Tübke 1989 im Panorama-Museum in Bad Frankenhausen, wo sein Monumentalbild über den Bauernaufstand 1525 installiert wird : Bild: dpa

          Tübke hinterläßt ein ausgedehntes und weitverzweigtes Werk, das sich so gründlich wie kein anderes der modernen Orthodoxie, ihren Konventionen und Vorschriften entzogen hat. Es hebt sich aus dem bunten Panorama der Gegenwartskunst durch beispiellose Extravaganz heraus. Als es vor etwa dreißig Jahren im Westen bekannt wurde, diskutierte man es als Phänomen der Postmoderne. Tübke konterte schon damals ironisch, er könne nicht postmodern sein, da er nie modern gewesen sei.

          Magische Meisterschaft

          Sogleich faszinierten damals die zeichnerische Bravour, die magische Meisterschaft der Malerei und der Hochmut des Geschmacks, die noch einmal an Glanzzeiten europäischer Kunst erinnerten. Der notorischen Sinnkrise in der Westkunst, ihren Bildhemmungen und Verweigerungen in der Zeit von Neo-Dadaismus, Minimalismus, Monochromie und Concept Art stellte Tübke eine aufreizende Produktivität, eine unbändige Erfindungslust und vor allem seine Erneuerung der Ikonographie entgegen.

          Tübke war aber mit seiner extremen Epoche durch die verletzliche Sensibilität, die Überschärfe der Beobachtung, die fiebrige und manchmal exaltierte Phantastik, die existentielle Labilität, ja Zerrissenheit und ein vielfach verwundetes Menschenbild verbunden. Doch lehnte er eine Sonderrolle, den pathetisch behaupteten Ausnahmezustand der Moderne ab, ihren hochgemuten Vorsatz, mit der Geschichte (damit auch mit der Geschichte der Kunst) zu brechen und das Leben fundamental zu verändern.

          Wiedergeborener Malermönch

          Er halte nichts, so hat er immer wieder gesagt, von Revolutionen und radikalen Neuanfängen, er glaube vielmehr an Wiedergeburten, Metamorphosen, Seelenwanderungen, aber auch an Determinationen. So hat der Leipziger Maler - scherzhaft im Ton, aber allen Ernstes - von sich behauptet, daß er schon einmal als Malermönch in der Toskana zur Zeit der Frührenaissance gelebt habe und im Zuge der Savonarola-Unruhen verbrannt worden sei. Tübke glaubte bei aller Variabilität des Zeitgeists an anthropologische Konstanten und leitete von ihnen auch ästhetische Konstanten ab. Mit seinem Werk bewies er, daß die komplizierten alten Bildsprachen sich durchaus für eine Analyse moderner Geschichtskomplexe und schwieriger Seelenverfassungen eignen, ja daß sie dafür besser gerüstet sind als die vielfach eindimensionalen Methoden und Interpretationsmuster der modernen Ästhetik.

          Tübke wurde 1929 in Schönebeck an der Elbe geboren, lebte und wirkte aber seit den fünfziger Jahren in Leipzig. Aus der doktrinären "Hochschule für Graphik und Buchkunst" machte er zusammen mit Heisig und Mattheuer eine Hohe Schule der Zeichnung und Malerei, wovon die Leipziger Kunst noch heute zehrt. Gerne unterstellt der Westen der DDR-Kunst Provinzialität. Doch Tübke - kein Akademiker, sondern ein Autodidakt - war ein weltläufiger Künstler, dessen Welt freilich nicht von Paris, London oder New York bestimmt war, sondern von St. Petersburg, dem Kaukasus, Samarkand, von Süditalien und Sizilien, Bulgarien, Griechenland und Südfrankreich.

          Träumerisch und konstruktiv

          Fälschlicherweise wurde Tübke ein rückwärtsgewandter Blick zugeschrieben. Er war aber kein Aussteiger aus den modernen Miseren und verfiel nicht einseitig den Verlockungen der Geschichte. Seine künstlerische Praxis offenbart ein gleitendes, transitorisches Weltbild. Es ist zugleich träumerisch und konstruktiv und durchprägt als Strukturprinzip das ganze Werk - vom Stil bis zur Ikonographie. Die Gegenwart stellt nur eine Art Übergangsphase und Zwischenzeit dar: Über den Rückgriff in die Vergangenheit will Tübke Zukunft entwerfen.

          Der junge Künstler nennt das 1960 "revolutionäres, romantisches Vorwegträumen der Zukunft". Paradox heißt es 1978: "Heute erscheint es mir wichtig, die Fähigkeit für die Utopie zu besitzen, auch die Fähigkeit zur Utopie nach rückwärts. Ich scherze mitunter: Es bleibt alles so, wie es niemals war - und meine es ernst". Wunderlicherweise arbeitete sich Tübke mit diesem paradox-konservativen Geschichtsbegriff in die erste Reihe der Maler in der DDR vor und wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten und Konflikten zu einem der führenden Künstlerrepräsentanten des Landes.

          Zyklus zur Nazi-Herrschaft

          Doch er bediente die ideologischen Erwartungen allenfalls thematisch, zumal durch die vorgegebenen Titel der Auftragswerke. So malte er 1960 vier Triptychen "Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" (1918 bis 1945), aber spiegelt sie in den Turbulenzen der manieristischen Bruegel-Welt des 16. Jahrhunderts. Zwischen 1965 und 1968 schuf er einen elfteilig konzipierten, nicht vollendeten Zyklus zur nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und zielte dabei auf eine innere Perspektive, auf eine Bewußtseinsanalyse und Gewissenserforschung.

          Das Leipziger Universitätsbild "Arbeiterklasse und Intelligenz" (1971 bis 1973) korrigiert die Gegenwart und antizipiert Zukunft im Rückgriff auf Renaissance-Modelle einer ästhetisch versöhnten Gesellschaft. Das thüringische Bauernkriegspanorama (1976 bis 1987) ist keine didaktische Großillustration, sondern eine historische Parabel menschlicher Irrungen und Wirrungen mit Durchblick auf gesellschaftliche Unruhen, Umbrüche und Glaubenskämpfe der Moderne, auf eine Welt nicht im Aufbruch, sondern im Taumel einer Spätzeit: Weltgeschichte vollzieht sich als Weltgericht.

          Dissens zum Parteiprogramm

          Allen diesen Auftragsbildern liegt ein tiefer Dissens zum ideologischen DDR-Parteiprogramm zugrunde. Mit der "Erbe"-Debatte liessen sich die Projekte bemänteln und rechtfertigen. In fast allen seinen "Historienbilden" hat Tübke seine skeptische, ja geschichtspessimistische Anschauung und nicht das Fortschritts-Wunschbild der DDR entfaltet - die Auffassung von einer Wiederkehr des Gleichen, das aber dann niemals das Gleiche ist. Er sagte, daß er in den Variablen des Zeitgeists an den Konstanten festhalte; die Moderne mache es umgekehrt: Sie setze auf die Variablen und verliere darüber die Konstanten aus dem Auge. Nach diesem Prinzip, so Tübke weiter, habe er sein Leben eingerichtet: Je stabiler der Rahmen, um so "verrückter und turbulenter" falle die Phantasieproduktion aus.

          Der Maler bewegte sich zeitlebens fast traumwandlerisch zwischen den Zeiten, die Zeitschiene herauf und herunter. Selbstbestimmungsversuche fielen zwangsläufig paradox aus: Tübke definiert einmal seinen "Fixpunkt" "als das Selbst unterwegs, gleitend, fließend". In der Tat hatte er eine ingeniöse Gabe, die Ferne als Nähe und die Nähe als Ferne zu erleben. Dabei geraten in seinen Bildern die Zeitkategorien und Wirklichkeitsverfassungen ins Gleiten, sie verwirren und vertauschen sich. Vergangenem gibt er pulsierendes Leben, der Gegenwart historische Patina: Seine Kunst entrückt die Gegenwart und relativiert sie damit; er läßt sie erstarren, zerbröselt sie und gibt sie mit einer Art Röntgenblick mitten im Leben der Vergänglichkeit und dem Zerfall preis.

          Zeichner am Anfang und am Ende

          Wie steht es um den Realitätscharakter seiner Kunst? Er ist verwickelt und heikel und nicht einmal bei den Porträts und Landschaften gesichert. In die Anschauung mischen sich bei ihm träumerische Imaginationen, Erinnerungen, die Metamorphosen historischer Vorbilder. Der Quellbereich seiner Kunst ist die Zeichnung. Als Zeichner habe er begonnen, so Tübke, als Zeichner werde er wohl auch aufhören. Tatsächlich hat der Künstler Tübke in seinen letzten Lebensmonaten nichts als gezeichnet und auf kleinen Formaten in einem Akt der Selbsterinnerung noch einmal sein tausendfaches Personal rekapituliert.

          Stets rangierten die zeichnerischen Texte vor der konkreten Darstellung. Sie oszillieren zwischen Subjektivem und Objektivem, Einzelnem und Allgemeinem, Gegenwärtigem und Vergangenem, Fiktivem und Realem, Mythischem und Sozialem. Die Blätter und Bilder sind - noch vor gedanklichen Entwürfen, vor Fragen des Inhalts, des Realitätsbezugs oder der Geschichtskonstruktion - Verdichtungen bizarrer Empfindsamkeit und Phantasie, mithin auf weiten Strecken reine Nervenkunst. Tübke schuf damit im Grunde "Capricci", denen mit Fragen nach Sinn und Bedeutung nicht beizukommen ist. So bleiben vielfach das Geschlecht und die Rolle der Figuren, die Zeitzugehörigkeit, der Schauplatz und Charakter der Szenen offen und ungewiß.

          Vexierspiele mit der Erfahrung

          Die manieristische Phantasie treibt ihre Vexierspiele mit der Erfahrung, sie mixt und verhext die Elemente. Sie treibt Form in die Deformation und offenbart deren Schönheit. Tübke differenziert Details bis zur Überfeinerung. Formen zerlaufen in seiner Hand, blühen in der Vergänglichkeit und im Verfall auf. Tübke traktiert die Schönheit bis zur Verzerrung und Verstümmelung, überdreht die Rolle der Figuren bis zur Groteske, verwandelt Gesichter in Totenköpfe, Körper in Skelette. Porträts schlagen in Masken um, lebendige Gestalten in Marionetten und Kunstfiguren. Die Darstellung schillert und gleitet nicht nur zwischen Gegenwart und Geschichte, sondern auch zwischen Leben und Tod, Natur und Kunst, Realität und vollkommener Künstlichkeit.

          Aus der Lust an Doppeldeutigkeiten und Verwandlungen rührten Tübkes besondere Neigungen zu allen Zwischenzeiten und Manierismen von der Spätgotik, der Spätrenaissance bis zum Rokoko, seine Leidenschaft für Maskeraden, Travestien und Blasphemien, für Schauspieler, Narren, Harlekine, Transvestiten, Androgyne, für Rollenträger und Verwandlungskünstler aller Art, die seit den sechziger Jahren zu Hauptdarstellern aufsteigen und sogar ins Bauernkriegspanorama eindringen.

          Zwischen Selbstentwurf und Auftrag

          Tübkes ehrgeizigster Anspruch und wohl größte Leistung war die Wiederbelebung und Rekonstruktion einer komplexen Ikonographie, die im Jahrhundert der Moderne demontiert worden war. Er mußte sie sich zwischen Selbstentwurf und Auftrag erarbeiten. In den Zeichnungen entwickelt er den Stoff induktiv und experimentell. In den öffentlichen Bildern aber hatte sich der Künstler durch die deduktive Auftragsstruktur mit thematischen Vorgaben auseinanderzusetzen.

          Zuerst kommt es in den "Capricci" zur Erneuerung und Vermischung einer biblisch-christlichen und antik-mythologischen mit einer zeitgenössischen Alltags-Ikonographie. Malerei und Zeichnung entwickeln sich aber nicht auseinander. Es kommt nicht zur Spaltung in ein inoffizielles und ein offizielles Werk, vielmehr trägt der Künstler die biblischen und antiken Urbilder und Parabeln in die sozialistischen Auftragsbilder hinein, die er damit im Sinne seines Weltbilds verändert. Daß Tübke mit dem Epos der Glaubenskämpfe im Bauernkriegspanorama und gleich im Anschluß daran nach der Wende mit einem Flügelaltar in einer Kirche in Clausthal-Zellerfeld beauftragt wurde, liegt in der evolutionären Logik seines Lebenswerks.

          Weitere Themen

          Das System Smerling

          FAZ Plus Artikel: Kunst und Macht : Das System Smerling

          Er macht aus dem Berliner Flughafen Tempelhof eine riesige Kunsthalle und leitet sie auch gleich. Alle Mächtigen lieben seine Ausstellungen: Wer ist eigentlich Walter Smerling?

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.
          Hier gibt es viel zu kuppeln: Züge auf dem Gleisfeld am Frankfurter Hauptbahnhof.

          Digitale Kupplung : Eine Revolution im Güterzugverkehr

          Seit dem 19. Jahrhundert werden Züge manuell gekuppelt. Dies soll nun digitalisiert werden – und die Schiene gegenüber dem Lkw wesentlich attraktiver machen.