https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/malerei-werner-tuebke-ist-tot-1160784.html

Malerei : Werner Tübke ist tot

  • -Aktualisiert am

Vexierspiele mit der Erfahrung

Die manieristische Phantasie treibt ihre Vexierspiele mit der Erfahrung, sie mixt und verhext die Elemente. Sie treibt Form in die Deformation und offenbart deren Schönheit. Tübke differenziert Details bis zur Überfeinerung. Formen zerlaufen in seiner Hand, blühen in der Vergänglichkeit und im Verfall auf. Tübke traktiert die Schönheit bis zur Verzerrung und Verstümmelung, überdreht die Rolle der Figuren bis zur Groteske, verwandelt Gesichter in Totenköpfe, Körper in Skelette. Porträts schlagen in Masken um, lebendige Gestalten in Marionetten und Kunstfiguren. Die Darstellung schillert und gleitet nicht nur zwischen Gegenwart und Geschichte, sondern auch zwischen Leben und Tod, Natur und Kunst, Realität und vollkommener Künstlichkeit.

Aus der Lust an Doppeldeutigkeiten und Verwandlungen rührten Tübkes besondere Neigungen zu allen Zwischenzeiten und Manierismen von der Spätgotik, der Spätrenaissance bis zum Rokoko, seine Leidenschaft für Maskeraden, Travestien und Blasphemien, für Schauspieler, Narren, Harlekine, Transvestiten, Androgyne, für Rollenträger und Verwandlungskünstler aller Art, die seit den sechziger Jahren zu Hauptdarstellern aufsteigen und sogar ins Bauernkriegspanorama eindringen.

Zwischen Selbstentwurf und Auftrag

Tübkes ehrgeizigster Anspruch und wohl größte Leistung war die Wiederbelebung und Rekonstruktion einer komplexen Ikonographie, die im Jahrhundert der Moderne demontiert worden war. Er mußte sie sich zwischen Selbstentwurf und Auftrag erarbeiten. In den Zeichnungen entwickelt er den Stoff induktiv und experimentell. In den öffentlichen Bildern aber hatte sich der Künstler durch die deduktive Auftragsstruktur mit thematischen Vorgaben auseinanderzusetzen.

Zuerst kommt es in den "Capricci" zur Erneuerung und Vermischung einer biblisch-christlichen und antik-mythologischen mit einer zeitgenössischen Alltags-Ikonographie. Malerei und Zeichnung entwickeln sich aber nicht auseinander. Es kommt nicht zur Spaltung in ein inoffizielles und ein offizielles Werk, vielmehr trägt der Künstler die biblischen und antiken Urbilder und Parabeln in die sozialistischen Auftragsbilder hinein, die er damit im Sinne seines Weltbilds verändert. Daß Tübke mit dem Epos der Glaubenskämpfe im Bauernkriegspanorama und gleich im Anschluß daran nach der Wende mit einem Flügelaltar in einer Kirche in Clausthal-Zellerfeld beauftragt wurde, liegt in der evolutionären Logik seines Lebenswerks.

Weitere Themen

In der Pandemie sind neue Konzertformate entstanden

Lage der Orchester : In der Pandemie sind neue Konzertformate entstanden

Der Stellenplan der deutschen Orchester bleibt stabil, doch beim Nachwuchs brechen die Absolventenzahlen ein. Desgleichen steht das Abonnentensystem vor dem Umbruch. Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz geht gestärkt aus der Krise hervor.

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Der Ritter der Jungfrau

Philippe Contamine : Der Ritter der Jungfrau

Mit seinem Buch über den Krieg im Mittelalter wurde Philippe Contamine eine Instanz. Im Alter von 89 Jahren ist der Mann, der die Forschung zu Jeanne d’Arc in Schwung bracht, nun in Paris gestorben.

Topmeldungen

Kurzatmig in die Klinik: In der Reha-Klinik in Bad Rothenfelde werden Long-Covid-Patienten mitunter wochenlang behandelt. 44:10

F.A.Z. Wissen – der Podcast : Schafft das Virus ein Heer von chronisch Kranken?

Mehr Fokus auf die Krankheitslast als auf Infektionszahlen, heißt es in Berlin. Ist Long-Covid da mit auf der Rechnung? Ein aktueller Überblick, wie impfen schützt, Früherkennung möglich wird und was hartnäckige Viren im Körper anrichten können.