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Malerei : Werner Tübke ist tot

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Das Leipziger Universitätsbild "Arbeiterklasse und Intelligenz" (1971 bis 1973) korrigiert die Gegenwart und antizipiert Zukunft im Rückgriff auf Renaissance-Modelle einer ästhetisch versöhnten Gesellschaft. Das thüringische Bauernkriegspanorama (1976 bis 1987) ist keine didaktische Großillustration, sondern eine historische Parabel menschlicher Irrungen und Wirrungen mit Durchblick auf gesellschaftliche Unruhen, Umbrüche und Glaubenskämpfe der Moderne, auf eine Welt nicht im Aufbruch, sondern im Taumel einer Spätzeit: Weltgeschichte vollzieht sich als Weltgericht.

Dissens zum Parteiprogramm

Allen diesen Auftragsbildern liegt ein tiefer Dissens zum ideologischen DDR-Parteiprogramm zugrunde. Mit der "Erbe"-Debatte liessen sich die Projekte bemänteln und rechtfertigen. In fast allen seinen "Historienbilden" hat Tübke seine skeptische, ja geschichtspessimistische Anschauung und nicht das Fortschritts-Wunschbild der DDR entfaltet - die Auffassung von einer Wiederkehr des Gleichen, das aber dann niemals das Gleiche ist. Er sagte, daß er in den Variablen des Zeitgeists an den Konstanten festhalte; die Moderne mache es umgekehrt: Sie setze auf die Variablen und verliere darüber die Konstanten aus dem Auge. Nach diesem Prinzip, so Tübke weiter, habe er sein Leben eingerichtet: Je stabiler der Rahmen, um so "verrückter und turbulenter" falle die Phantasieproduktion aus.

Der Maler bewegte sich zeitlebens fast traumwandlerisch zwischen den Zeiten, die Zeitschiene herauf und herunter. Selbstbestimmungsversuche fielen zwangsläufig paradox aus: Tübke definiert einmal seinen "Fixpunkt" "als das Selbst unterwegs, gleitend, fließend". In der Tat hatte er eine ingeniöse Gabe, die Ferne als Nähe und die Nähe als Ferne zu erleben. Dabei geraten in seinen Bildern die Zeitkategorien und Wirklichkeitsverfassungen ins Gleiten, sie verwirren und vertauschen sich. Vergangenem gibt er pulsierendes Leben, der Gegenwart historische Patina: Seine Kunst entrückt die Gegenwart und relativiert sie damit; er läßt sie erstarren, zerbröselt sie und gibt sie mit einer Art Röntgenblick mitten im Leben der Vergänglichkeit und dem Zerfall preis.

Zeichner am Anfang und am Ende

Wie steht es um den Realitätscharakter seiner Kunst? Er ist verwickelt und heikel und nicht einmal bei den Porträts und Landschaften gesichert. In die Anschauung mischen sich bei ihm träumerische Imaginationen, Erinnerungen, die Metamorphosen historischer Vorbilder. Der Quellbereich seiner Kunst ist die Zeichnung. Als Zeichner habe er begonnen, so Tübke, als Zeichner werde er wohl auch aufhören. Tatsächlich hat der Künstler Tübke in seinen letzten Lebensmonaten nichts als gezeichnet und auf kleinen Formaten in einem Akt der Selbsterinnerung noch einmal sein tausendfaches Personal rekapituliert.

Stets rangierten die zeichnerischen Texte vor der konkreten Darstellung. Sie oszillieren zwischen Subjektivem und Objektivem, Einzelnem und Allgemeinem, Gegenwärtigem und Vergangenem, Fiktivem und Realem, Mythischem und Sozialem. Die Blätter und Bilder sind - noch vor gedanklichen Entwürfen, vor Fragen des Inhalts, des Realitätsbezugs oder der Geschichtskonstruktion - Verdichtungen bizarrer Empfindsamkeit und Phantasie, mithin auf weiten Strecken reine Nervenkunst. Tübke schuf damit im Grunde "Capricci", denen mit Fragen nach Sinn und Bedeutung nicht beizukommen ist. So bleiben vielfach das Geschlecht und die Rolle der Figuren, die Zeitzugehörigkeit, der Schauplatz und Charakter der Szenen offen und ungewiß.

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