https://www.faz.net/-gqz-ovo0

Malerei : Werner Tübke ist tot

  • -Aktualisiert am

Wiedergeborener Malermönch

Er halte nichts, so hat er immer wieder gesagt, von Revolutionen und radikalen Neuanfängen, er glaube vielmehr an Wiedergeburten, Metamorphosen, Seelenwanderungen, aber auch an Determinationen. So hat der Leipziger Maler - scherzhaft im Ton, aber allen Ernstes - von sich behauptet, daß er schon einmal als Malermönch in der Toskana zur Zeit der Frührenaissance gelebt habe und im Zuge der Savonarola-Unruhen verbrannt worden sei. Tübke glaubte bei aller Variabilität des Zeitgeists an anthropologische Konstanten und leitete von ihnen auch ästhetische Konstanten ab. Mit seinem Werk bewies er, daß die komplizierten alten Bildsprachen sich durchaus für eine Analyse moderner Geschichtskomplexe und schwieriger Seelenverfassungen eignen, ja daß sie dafür besser gerüstet sind als die vielfach eindimensionalen Methoden und Interpretationsmuster der modernen Ästhetik.

Tübke wurde 1929 in Schönebeck an der Elbe geboren, lebte und wirkte aber seit den fünfziger Jahren in Leipzig. Aus der doktrinären "Hochschule für Graphik und Buchkunst" machte er zusammen mit Heisig und Mattheuer eine Hohe Schule der Zeichnung und Malerei, wovon die Leipziger Kunst noch heute zehrt. Gerne unterstellt der Westen der DDR-Kunst Provinzialität. Doch Tübke - kein Akademiker, sondern ein Autodidakt - war ein weltläufiger Künstler, dessen Welt freilich nicht von Paris, London oder New York bestimmt war, sondern von St. Petersburg, dem Kaukasus, Samarkand, von Süditalien und Sizilien, Bulgarien, Griechenland und Südfrankreich.

Träumerisch und konstruktiv

Fälschlicherweise wurde Tübke ein rückwärtsgewandter Blick zugeschrieben. Er war aber kein Aussteiger aus den modernen Miseren und verfiel nicht einseitig den Verlockungen der Geschichte. Seine künstlerische Praxis offenbart ein gleitendes, transitorisches Weltbild. Es ist zugleich träumerisch und konstruktiv und durchprägt als Strukturprinzip das ganze Werk - vom Stil bis zur Ikonographie. Die Gegenwart stellt nur eine Art Übergangsphase und Zwischenzeit dar: Über den Rückgriff in die Vergangenheit will Tübke Zukunft entwerfen.

Der junge Künstler nennt das 1960 "revolutionäres, romantisches Vorwegträumen der Zukunft". Paradox heißt es 1978: "Heute erscheint es mir wichtig, die Fähigkeit für die Utopie zu besitzen, auch die Fähigkeit zur Utopie nach rückwärts. Ich scherze mitunter: Es bleibt alles so, wie es niemals war - und meine es ernst". Wunderlicherweise arbeitete sich Tübke mit diesem paradox-konservativen Geschichtsbegriff in die erste Reihe der Maler in der DDR vor und wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten und Konflikten zu einem der führenden Künstlerrepräsentanten des Landes.

Zyklus zur Nazi-Herrschaft

Doch er bediente die ideologischen Erwartungen allenfalls thematisch, zumal durch die vorgegebenen Titel der Auftragswerke. So malte er 1960 vier Triptychen "Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" (1918 bis 1945), aber spiegelt sie in den Turbulenzen der manieristischen Bruegel-Welt des 16. Jahrhunderts. Zwischen 1965 und 1968 schuf er einen elfteilig konzipierten, nicht vollendeten Zyklus zur nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und zielte dabei auf eine innere Perspektive, auf eine Bewußtseinsanalyse und Gewissenserforschung.

Weitere Themen

Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Topmeldungen

Sozialdemokrat, Ex-Investmentbanker, Staatsdiener: Jörg Kukies hat viele Professionen.

Finanzstaatssekretär Kukies : Macher mit Milliarden

Mit der Corona-Krise hat Jörg Kukies noch mehr zu tun bekommen. Der Finanzstaatssekretär sitzt dem Ausschuss vor, der über die Hilfen für sehr große Unternehmen entscheidet. In der Bankenwelt hat der einstige Investmentbanker einen guten Ruf.

Verfassungsschutzbericht : Erstarken die Ränder?

Horst Seehofer legt heute den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2019 vor. Wahrscheinlich werden Rechts- und Linksextremismus darin viel Platz einnehmen. Verfolgen Sie die Präsentation in unserem Livestream.

Jubel und Schock bei Klopp : „Das ist unglaublich!“

Der FC Liverpool spielt in der Premier League weiter beeindruckend erfolgreich und jagt nun sogar eine ganz besondere Bestmarke. Doch bei der Partie gegen Brighton kommt es auch zu einem Schreckmoment.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.