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Hier sehen wir auf der Schnur: Detail aus „Set your teeth on edge“ (1981) im Neubau Bild: Jana Buch / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Gerhard Hoehme in Gladbeck : Bildstrukturwandel im Schnurgebiet

Wie gemacht für diesen Ort: Die Neue Galerie Gladbeck zeigt Gerhard Hoehme.

          2 Min.

          Die Neue Galerie Gladbeck hat nur zwei Räume. 2009 wurde dem früheren Stadtbüchereigebäude im Rathauspark ein hallenartiger Saal hinzugefügt. Gleichzeitig ging das Ausstellungshaus für Gegenwartskunst aus städtischer Trägerschaft in die Hände eines Vereins über. Mit dem 1989 verstorbenen Maler Gerhard Hoehme geht man jetzt erstmals hinter die Gegenwart im kalendarischen Sinne zurück. Elf Werke der Siebziger- und Achtzigerjahre werden gezeigt. Zum großen Teil stammen sie aus der Nachlassstiftung, die der Kunstpalast, das Kunstmuseum der Stadt Düsseldorf, verwaltet. Der 1920 in Bitterfeld geborene Pionier des deutschen Informel, der 1951 in den Westen gegangen war, wurde 1965 Professor an der Düsseldorfer Akademie.

          In Gladbeck wäre durchaus für mehr Werke Platz gewesen, aber die großzügige Hängung macht es möglich, dass die beiden Räume in ihrem gegensätzlichen Charakter der Kunst Hoehmes zu unterschiedlicher, aber charakteristischer Wirkung verhelfen. Der kleinere Raum ist der ehemalige Lesesaal. Das Mobiliar ist entfernt worden, die beiden großen Fenster sind geblieben. Eines von ihnen ist als Glasmalerei ausgeführt: ein Triptychon hoher gotischer Zimmer mit spitzbärtigen Schreibern und glatzköpfigen Lesern. Obwohl die Bildungswelt hier mit den Mitteln grafischer Abstraktion als altertümlich stilisiert wird, kann man den Geist der Fünfzigerjahre, den die Dekoration konserviert, nicht einfach rückwärtsgewandt nennen. Aufbruch und Einkehr fielen damals zusammen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          An der längeren Wand ist eine Arbeit Hoehmes von 1988 angebracht, die gravitätisch betitelt ist wie eine Illustration aus dem Lehrbuch der Religionswissenschaft: „Die Umwandlung der zeremoniellen Energie“. Eine in Tönen von Feuer und Gestein vollgemalte Leinwand ist beschnitten wie ein Berggipfel aus der Toblerone-Werbung. Statt eines Gipfelkreuzes leuchtet in der Signalfarbe Orange ein zusammengerollter Schlauch, dessen unteres Ende auf dem Boden vor dem gemalten Teil des Werkes liegt, ebenfalls zum Kreis geschlossen und zusätzlich mit Stangen verziert, sodass etwas wie das dreidimensionale Piktogramm eines Adventskranzes entsteht. An der Schmalseite hängen zwei zweiteilige, farblose Werke. Eines besteht aus zwei durch einen Schlauch verbundenen Tafelbildern. Die besinnliche Atmosphäre des kapellenhaften kleinen Saals macht Stimmungswerte der Werke spürbar: Dem Anschein des Hingeworfenen zum Trotz hat Hoehme Studienobjekte geschaffen, die Versenkung fordern. Zeremonielle Energie investiert der Besucher in die ambulante Betrachtung der kommunizierenden Tableaus. Auch Bild an der Wand und Bild im Kopf sind verbunden; fraglich ist nur, wer an wessen Tropf hängt.

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