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TV-Kritik: „Maischberger“ : Depression als Unterhaltungsformat

  • -Aktualisiert am

Die „Maischberger“-Sendung über Depression grenzte an gezielter Desinformation Bild: dpa

Sandra Maischberger redete mit ihren Gästen über Depressionen - und wie man diese Krankheit mit Elektroschocks behandeln kann. Die Sendung grenzte an Desinformation.

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          Sind Sie heute gut gelaunt? Immer fröhlich, optimistisch und der Zukunft zugewandt? Alles andere gilt in modernen Gesellschaften bisweilen schon als ein Sakrileg. Jener alte Begriff der Schwermut, der Menschen scheinbar grundlos wie auch mit guten Gründen befallen kann, ist schon fast verschwunden. An seine Stelle trat das medizinische Fachvokabular der Depression, die zwar schwierig zu diagnostizieren ist, aber den pathologischen Ausnahmezustand vom wünschenswerten Normalfall trennt.

          Insofern war es am Dienstagabend interessant zu hören, wie manche Mediziner offenkundig heute Trauerarbeit eingrenzen. Laut Frau Maischberger soll es Ärzte geben, die die Trauer über den Tod eines geliebten Menschen als Depression kategorisieren, wenn sie länger als 14 Tage dauert. Das ist allerdings keine Wissenschaft, sondern schlechte Ideologie, die sich nichts anderes mehr vorstellen kann als das zur Grimasse erstarrte ewige Grinsen für die soziale Normalität zu halten.

          Selbstdiagnose im Internet

          Insofern stellte Frau Maischberger in ihrer Sendung die richtige Frage nach der „Diagnose Depression: Bin ich nur unglücklich oder schon krank?“ Zwar gilt jeder Mensch nur solange als gesund, wie ein Arzt noch nichts gefunden hat, um ihn als krank zu deklarieren. Die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Koller erläuterte aber bei Frau Maischberger, wie dieser Mechanismus funktioniert. Sie war nach dem Tod ihres Mannes, des ehemaligen Wiener Oberbürgermeisters Helmut Zilk, in eine tiefe Lebenskrise gestürzt. Ihr blieb Monate lang sprichwörtlich die Stimme weg. Sie versank in eine tiefe Melancholie, um mit der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen.

          Es dauerte Jahre, um wieder in ein neues Leben zurückzufinden. Als sie in diese Sendung eingeladen worden sei, habe sie aber erst im Internet angefangen, sich mit der Depression zu beschäftigen. Dort fand sie alle Symptome wieder, die sie auch bei sich erlebt hatte. Es war die klassische Selbstdiagnose, die es in dieser Form erst mit der digitalisierten Wissensgesellschaft gibt. Die Psychotherapeutin (und Moderatorin) Angelika Kallwass versuchte diese nachträgliche Pathologisierung eines nachvollziehbaren Gemütszustandes allerdings zu relativieren. Frau Koller fand aus dieser Situation heraus, drohte wohl auch nicht in jenen Teufelskreis namens Ausweglosigkeit zu geraten, der Depressionen erst kennzeichnet.

          Früher nannte man das Respekt

          Depressionen sind das Gegenteil von Glück. Aber um zu wissen, wann man unglücklich ist, müsste man wissen, was Glück ist. Dieses Glück zu definieren, ist aber eine zutiefst individuelle Erfahrung jedes Menschen. Das Unglück beginnt in dem Moment, wo die eigenen Erwartungen mit der Wirklichkeit in einen unauflösbaren Widerspruch geraten. Das kann, wie bei dem Sänger und Star der „Neuen Deutschen Welle“ Hubert Kemmler („Hubert Kah“) ein Bruch in der Karriere, oder wie bei dem Vater der Schauspielerin (und Moderatorin) Nova Meierhenrich der Konkurs der Firma sein. Das eigene Bild von der Welt und der Rolle, die man dort hat, bricht zusammen und damit schließlich das eigene Selbstwertgefühl. Das kann plötzlich kommen, wie bei Kemmler, der auf einmal bemerkte: „Du bist ja gar nicht glücklich“. Oder in einem langen Prozess der Enttäuschung, wie bei Meierhenrich, der „nicht mehr die einfachsten Aufgaben schaffte“.

          Ihr Vater war nach gescheiterten Therapieversuchen in jene Lage geraten, die Frau Kallwass als „Bilanz-Selbstmord“ definierte. Gegen diese Verbindung aus Aussichts- und Hoffnungslosigkeit ist jeder Versuch der Intervention sinnlos geworden, so Frau Kallwass. Sie fragte, ohne das Wort aber auszusprechen, ob Frau Meierhenrich nach dem Tod des Vaters nicht auch Erleichterung verspürt habe, dessen Krankengeschichte für die Familie zu einer kaum zu ertragenden Belastung geworden war. Das auszusprechen, wäre aber in diesem Moment wie ein Verrat an einem trotz allem geliebten Menschen erschienen. In Talk Shows muss man wirklich nicht alles mitteilen, was letztlich nur die Betroffenen angeht. Früher nannte man das Respekt.

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