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Maikäferjahr : Flieg, Erinnerung, flieg!

Wo der Maikäfer pumpt, kann die Kultur nur aufmerksam zusehen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der zu erwartende Maikäferflug wird alles in den Schatten stellen, was in den letzten vierzig Jahren durch Deutschland schwirrte. Aus diesem Anlaß ein Aufruf zur Naturbegehung - mit Wilhelm Busch und Prof. Dr. O. Schmeil unterm Arm.

          3 Min.

          Die Sonne kommt und mit ihr die Maikäfer. Sie kommen millionenfach. Kriechen aus dem Boden hervor, befallen Bäume und - das eigentliche Übel - hinterlassen der Nachwelt eine abermillionenfache Brut wurzelfressender Engerlinge. Sie kommen nicht irgendwann. Sie kommen jetzt. In diesen Stunden, da es warm wird. In diesem Jahr, einem Maikäferjahr, wie es Deutschland seit vierzig Jahren nicht mehr erlebt hat. Das sagt Rainer Hurling, Maikäferexperte bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. Vom Maikäfer abgesehen: Wann passiert schon einmal was, das Deutschland in den letzten vierzig Jahren nicht mehr erlebt hat? Ist nicht alles schon einmal vorbeigeschwirrt?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Eben nicht, sagt Hurling, nicht der Maikäfer in dieser Masse. Selten genug, ein nationales Naturereignis, das heute angekündigt wird und morgen eintritt. Das schien bisher nur beim Wetter möglich, aber Wetter ist immer. Hurling spricht, wenn er über den Maikäfer redet, nicht nur über das Ökosystem Wald, er redet implizit auch über den Haushalt der menschlichen Wahrnehmung. Beide werden in den nächsten Stunden verändert. Für alle unter vierzig, eine entsprechende Sensibilität vorausgesetzt, wird dieser Käferflug etwas völlig Neues sein. Er wird als ein summendes, brummendes Emblem auf dem biographischen Zeitstrahl erscheinen, einer dieser Haltepunkte der Erinnerung, die das Vergehen von Zeit erst erlebbar machen - wie für uns über Vierzigjährige der Onkel Fritze so ein Haltepunkt ist, der Onkel, dem Max und Moritz jene Käfer unter die Bettdecke steckten, die wir selbst noch von den Bäumen holten und in Schachteln mit Luftlöchern aufbewahrten.

          Nichts wird den Schwarm aufhalten

          „Noch sitzen die Tiere weit unter der Grasnarbe“, sagt Hurling. „Wann sie an die Oberfläche kommen, hängt von jedem Käfer selbst ab.“ Hurlings Prognose bedient sich eines methodischen Individualismus. Die Wirklichkeit jedoch wird nicht als Käferindiviuum, sondern als Käferkollektiv aus dem Waldboden hervorbrechen. Etliche Probegrabungen sprechen dafür, Probegrabungen auf lichten, vergrasten Waldstücken, die allesamt eine ungeheure Besatzdichte der Maikäfer pro Quadrameter belegen. Waren in Südhessen Anfang der achtziger Jahre noch zwanzig bis dreißig Hektar Wald vom Massenflug der Käfer betroffen, so hatte sich die entsprechende Fläche zehn Jahre später auf 2.300 Hektar verhundertfacht. Jetzt wird hier ein massenhafter Maikäferschlupf von 9.700 Hektar erwartet. Es ist Biologie in Reinkultur, die da abläuft. Nichts wird den Schwarm aufhalten, der sich unter der Grasnarbe flugfertig macht: kein Meinen und kein Deuteln. Nur Chemie, vom Hubschrauber verpritzt. Wo der Maikäfer pumpt, kann die Kultur nur aufmerksam zusehen.

          Auch er hat seine wunden Stellen, wie „der Schmeil” uns lehrt

          Wir über Vierzigjährigen wissen noch, wie das geht: dem Maikäfer aufmerksam zusehen. Wir sind mit Werken der Naturbeobachtung groß geworden, einer herrlichen Literatur von unbekümmert anthropomorphistischem Zuschnitt, inzwischen leider allesamt vergriffen und durch die naturalistische Sterilität heutiger Biologiebücher ersetzt. Aber „den Schmeil“ haben wir durch die Zeiten gerettet. Der Schmeil, jener in etlichen Auflagen nachgedruckte „Leitfaden der Tierkunde“ von Professor Dr. O. Schmeil, mit sechzehn farbigen Tafeln und etwa siebenhundert Textbildern. Mit dem Schmeil unterm Arm werden wir morgen in den Wald gehen und den Schwarm beschauen. Der Schmeil erst läßt uns sehen, was wir sehen, er ist das Kulturerzeugnis, das die Biologie zum Sprechen, den Maikäfer zum Pumpen bringt. Wird eine Generation, die den Schmeil nicht mehr kennt, im Maikäfer der südhessischen Wälder noch etwas anderes sehen als plumpe Biologie, schwerfällig durch den Äther brummend? „Da der Maikäfer einen verhältnismäßig plumpen Körper hat, erscheint sein Flug langsam und schwerfällig“, schreibt selbst Schmeil. Doch es kommt eben darauf an, hinter die Phänomenologie zu schauen. So fährt denn Schmeil, dem vorschnellen Verdikt vorbeugend, fort: „Dies ist aber für ein Tier, das seine Nahrung fast überall findet, kaum von Nachteil.“

          Ein haptisches Erlebnis

          Wenn wir hier im Angesicht des Schwarms vom Schmeil erzählen, dann sollte ein Mißverständnis vermieden werden. Bei aller Empathie, die dieser Autor gegenüber seinen krabbelnden Gegenständen an den Tag legt, fern liegt ihm jedwede naturphilosophische Wehleidigkeit. Uns Schülern vermittelte er dem Käfer gegenüber eine Verhaltenslehre der Kälte von geradezu Jüngerschem Zuschnitt, ohne die wir die Aufgaben, die am Ende jedes Kapitels warteten, nicht hätten erfüllen können. So hieß es unter Punkt 2 der Aufgaben zum Kapitel „Maikäfer“ in überlegener neuer Sachlichkeit: „Stelle an einem toten Maikäfer, von dem Vorder- und Hinterflügel entfernt sind, durch Einstechen mit einer Nadel fest, an welchen Körperstellen der Chitinpanzer hart und an welchen er verhältnismäßig weich ist!“ So stand man vor dem Maikäfer im Grunde nie fassungslos, immer wußte man, was mit ihm zu machen war. Punkt drei wies den Weg: „Zerlege mit Nadel und Pinzette einen toten Maikäfer in seine Hauptteile! Betrachte diese mit der Lupe und zeichne sie, klebe sie sodann auf Pappe und schreibe die Namen dazu! Versuche auch, die Mundteile loszulösen!“ Auch Punkt sieben machte aus der Erfahrung des Maikäfers ein haptisches Erlebnis: „Halte einen Maikäfer in der geschlossenen Hand und achte auf die Kraft, mit der er sich zu befreien sucht!“

          Man muß nicht lange drum herumreden, um einzusehen: Eine solche Sachlichkeit steht uns im Umgang mit der gepanzerten Natur heute nicht mehr zu Gebote. Doch panzern wir nicht unsere Erinnerung, wenn der Schwarm demnächst Deutschland überfällt. Überlassen wir dieses Massenereignis nicht den Schädlingsbekämpfern aus der Luft. Ziehen wir in die Wälder. Nehmen wir - um einen Schmeil für unsere Zeit bittend - den Maikäfer, wie er kommt.

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