https://www.faz.net/-gqz-10qo2

Maigret-Marathon 33 : Maigret und die alte Dame

Bild: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein für allemal klärt hier Simenon einen Vorgang auf, der sich so oder so ähnlich in seinen Maigret-Romanen angedeutet findet (zumindest in den bisherigen); und weil er das so schön erklärt, gibt es jetzt ausnahmsweise ein längeres Zitat zur Ermittlungstechnik des Kommissars: „Er wusste, dass ein solcher Punkt bei jedem Fall zu überwinden war und dass er dann - zufällig oder instinktiv - jedes Mal ein bisschen zu viel getrunken hatte. Jedes Mal, wenn, wie er es nannte, 'die Sache ins Rollen kam'. Anfangs kannte er nur die nüchternen Fakten, wie sie in den Berichten festgehalten werden. Dann traf er Leute, die er nie zuvor gesehen hatte, die er tags zuvor noch nicht gekannt hatte, und er schaute sie an wie Fotos in einem Album. Man musste den anderen so schnell wie möglich durchschauen, Fragen stellen, die Antworten glauben oder nicht und dabei vermeiden, vorschnelle Ansichten zu entwickeln. In dieser Phase behielten die Leute und die Dinge noch ihre klaren Konturen, blieben noch unzugänglich, anonym und unpersönlich. In einem ganz bestimmten Augenblick und scheinbar ohne Grund kam die Sache ins Rollen. Die Personen verloren ihre scharfen Umrisse und bekamen gleichzeitig menschlichere Züge; sie wurden vor allem komplizierter, und dann hieß es aufpassen. Kurz, er begann dann ihr Wesen zu sehen, tastete sich vor, fühlte sich dabei unbehaglich in der Vorstellung, dass es nur noch einer kleinen Anstrengung bedürfe, um klarzusehen und die Wahrheit ans Licht zu ziehen.“ (Wer es nachlesen möchte: Seite 125/26).

          Die Handlung in einem Satz: Das Dienstmädchen einer alten, alleinlebenden Frau vergiftet sich mit der Medizin, die ihrer Arbeitgeberin zugedacht war, aber es muss erst noch ihr Bruder sterben, bis die Sache aufgeklärt wird - denn natürlich war es Mord.

          Spielt in: Paris und Etretat in der Normandie

          Neues über Maigret: Er leidet unter einem so großen Ehrgefühl, dass er sich bei jedem Urlaub unbehaglich fühlt und generell glaubt, dass er überbezahlt werde.

          Und Frau Maigret? Leider nichts.

          Konsum geistiger Getränke: Calvados, Martini, Bier, Kaffee mit Rum, Picon-Grenadine, Weißwein, Apfelwein.

          Falsch oder echt?

          Sehr selten begegnet man in den zahlreichen Maigrets Figuren, die man aus früheren Romanen zu kennen glaubt - eine erstaunliche Leistung ihres Autors, der seine Figuren dann auch sehr selten aus Stereotypen formt (und wenn, fällt es umso mehr auf); hier aber sind es die listige ältere Damen und ihr allzu belesenes Dienstmädchen, die dem Kommissar als Typen auch sonst schon begegnet sind. Dafür aber gerät hier das Leid der Familie des Opfers dezent, aber unabweislich ins Blickfeld. Ihnen gehört das Mitgefühl des Autors, für sie ergreift er Partei, wie sonst nur selten für eine seiner Schöpfungen. Und dass am Ende hinter all dem nur die nackte Geldgier in ihrer häßlichsten Form steht, darauf war man nicht vorbereitet. Schmuck jedenfalls wird überschätzt, soviel steht fest.

          Lieblingssatz: „Castaing hatte dichtes Haar, eine niedrige Stirn und verfolgte seine Gedankengänge mit der gleichen Verbissenheit, mit der er den Pflug geschoben hätte.“

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          Seltene Erden : Pekings Waffe im Handelskrieg

          In jedem Smartphone, in jeder Hightech-Rüstung stecken Seltene Erden. 80 Prozent dieser Metalle kommen aus Fernost. Setzt China das nun als Druckmittel gegen Amerika ein?

          Brexit-Abstimmung : Was ist daran „kühn“?

          Die britische Premierministerin Theresa May will den Parlamentariern ein Angebot unterbreiten, das sie nicht ablehnen können. Doch dem Vernehmen nach wird es kaum der erhoffte große Wurf sein.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vor Kurzem im Bundestag

          Kriminelle Clans : „Die Gesellschaft wird als Beute betrachtet“

          Bundesinnenminister Horst Seehofer macht den Kampf gegen Clankriminalität zur Chefsache. Teil seines „Sieben-Punkte-Plans“ sind Tausende neue Stellen für das BKA.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.