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Punkband in Dessau : Wie politisch muss das Bauhaus sein?

  • Aktualisiert am

Wirft die Konzert-Absage ein schlechtes Licht auf das Bauhausjubiläum? Bild: Picture-Alliance

Die Stiftung Bauhaus Dessau hält an ihrer Absage eines Konzerts der Punkband Feine Sahne Fischfilet fest. Im Landtag wird unterdessen heftig über einen drohenden Image-Schaden pünktlich zum Bauhausjubiläum gestritten.

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          Die Diskussion um die Absage des Bauhauses Dessau an ein ZDF-Konzert der Punkband Feine Sahne Fischfilet hat den Magdeburger Landtag erreicht. Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra wehrte sich am Mittwoch gegen Vorwürfe, die Entscheidung sei ein Eingriff in die Kunstfreiheit gewesen. Die Programmhoheit über das Bauhaus und seine Bühne habe die Direktorin der Stiftung Bauhaus, sagte der CDU-Politiker bei der Debatte im Landtag. „Niemand kann ihr diese nehmen. Wenn sie der Meinung ist, dass ein Auftritt nicht mit den Grundsätzen des Bauhauses vereinbar ist, darf sie auch nein sagen.“

          Der Linken-Kulturpolitiker Stefan Gebhardt sagte, die Absage müsse als fundamentaler Angriff auf die Kunstfreiheit und die Programmfreiheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewertet werden. „Was hier passiert ist, ist nichts anderes als Zensur.“ Es gehe um die Entscheidung des Bauhauses und wie sie zustande gekommen sei. Das Agieren von Bauhausdirektorin Claudia Perren bezeichnete Gebhardt als „peinlich“. Robra warf er vor, sich unzulässig eingemischt zu haben. Perren habe ihn vor der Absage um Rat gefragt, sagte Robra. „Wir haben das diskutiert.“ Die Entscheidung habe die Direktorin getroffen.

          Ganz besonderer Schutz

          Die Stiftung Bauhaus Dessau hält unterdessen an ihrer Absage fest. Claudia Perren räumte aber Fehler bei der Kommunikation ein: „Das ist wirklich ganz schief gelaufen.“ Rechte Gruppierungen hatten im Internet zum Protest gegen die Veranstaltung aufgerufen. Im Interview mit „Zeit Online“ sagte Perren, sie habe sich aus zwei Gründen gegen den Auftritt der Band im Bauhaus entschieden: „Wir wollten Rechtsradikalen vor dem Bauhaus keine Plattform bieten. (...) Zweitens ist das Bauhausgebäude eine Unesco-Weltkulturerbestätte, die eines ganz besonderen Schutzes bedarf, auch rein physisch.“ Perren selbst habe die Musik der Band gar nicht gekannt. Es sei ihr nur um die Vermeidung einer Eskalation und einer möglichen Beschädigung des Bauhauses gegangen: „Sie dürfen über unsere Bauhausbühne nicht mal mit kratzigen Schuhen gehen, da darf kein Nagel in die Wand, ohne dass wir das mit der Denkmalschutzbehörde abgesprochen haben.“

          Viele Abgeordnete argwöhnten im Landtag, dass die Konzert-Absage und ihre Begründung ein schlechtes Licht auf Sachsen-Anhalt und das Jubiläum 100 Jahre Bauhaus im nächsten Jahr werfe. „Dem Bauhaus ist durch die Stiftungsleitung nachhaltiger Schaden zugefügt worden“, sagte Sebastian Striegel von den Grünen. Mit der Aussage, das Bauhaus sei unpolitisch, habe sich die Stiftung auf weltweiter Bühne blamiert. Wer das Bauhaus zum „unpolitischen Architektenclub“ machen wolle, verrate die Ideale einer Institution, die 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Im Internet kritisierten auch Kulturschaffende und Architekten die Entscheidung.

          Redner von CDU und AfD wiederum äußerten Kritik an den Texten von Feine Sahne Fischfilet. Es sei gut, dass die Stiftung Bauhaus von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht habe, sagte der CDU-Politiker Detlef Gürth. „Es ist ein Skandal, dass auf dem Rücken des Bauhauses eine Werbekampagne für eine linksextreme Band gefahren wird“, sagte Gürth. Der AfD-Abgeordnete Marcus Spiegelberg sprach von einer „linksextremen Hetzband“.

          Feine Sahne Fischfilet war vor einigen Jahren wegen Gewaltaufrufen gegen Polizisten im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern genannt worden. Seit einigen Jahren taucht der Name der Band nicht mehr in den Berichten auf. Der Auftritt der Punkband soll am 6. November in Dessau stattfinden. Ein genauer Ort ist bisher nicht bekannt.

          Inzwischen reagieren auch erste Künstler auf die Entscheidung. Der Berliner Clemens Krauss kündigte am Mittwoch an, Werke im Bauhaus abhängen zu lassen. In einem Brief schrieb Krauss: „Eine Musikgruppe auszuladen, weil man Bedenken wegen möglicher Demonstrationen rechter Gegner hat, halte ich nicht nur für falsch, sondern für ein Fanal“. Eine Kulturinstitution dürfe Kunst nicht unterbinden, solange sie nicht nachgewiesenermaßen verfassungsfeindlich sei. Er bitte Perren daher, seine Arbeiten aus der Ausstellung anlässlich 100 Jahre Bauhaus zu nehmen. Krauss lebte und arbeitete 2017 zwei Monate lang im Haus Schlemmer in Dessau.

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