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Mafia-Ausstellung : Eine etwas andere italienische Reise

Die Idylle trügt: Nach 43 Jahren im Untergrund wurde Mafioso Bernardo Provenzano 2006 in diesem Bauernhaus in Montagna dei Cavalli festgenommen. Bild: © Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

Die Spur führt nach Deutschland. Die Mannheimer Foto-Ausstellung „Tat/Ort“ zeigt die Mafia, wie man sie selten sieht: Als Teil des italienischen Alltags, der sich in die Gesellschaft eingeschmuggelt hat.

          3 Min.

          Ein Foto von der Via Salieri in Buccinasco, einer Kleinstadt bei Mailand: die Ecke eines Wohnblocks. Links ein Mann mit einem Irischen Setter an der Leine, rechts ein Mann mit Scotch Terrier. Beide lässig gekleidet, Bermudashorts, Jeans und Turnschuhe. Es kann in irgendeinem norditalienischen Neubauviertel sein.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Männer sind womöglich Frührentner, die Gassi gehen. Oder Angehörige der Baumafia? Die Bilder verraten es nicht. Doch die Vermutung hat etwas für sich: 2004 wurden in der Nähe der Via Salieri zwei Bazookas gefunden, die, so die Ermittlungen der Polizei, auf den Wagen des stellvertretenden Generalstaatsanwalts von Mailand abgefeuert werden sollten. Im Stadtteil Buccinasco Più, der damals gebaut wurde, wurden im Juli 2008 Mitglieder der ’ndrangheta-Familien Barbaro und Papalia verhaftet, denen ein lombardischer Geschäftsmann, der 2010 wegen Zugehörigkeit zu einer mafiosen Vereinigung verurteilt wurde, Zugang zu seinen Baustellen verschafft hatte.

          Unheimliche Unschuld

          Die Bilder der Ausstellung „Tat/Ort - (un)heimliche Spuren der Mafia“ von Tommaso Bonaventura und Alessandro Imbriaco in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim dokumentieren solche Orte: Die Pizzeria „Wall Street“ in Lecco am Comer See, in der ein Boss aus Kalabrien die Fäden eines milliardenschweren Drogen- und Waffenhandels zog, bis er 1992 „lebenslänglich“ bekam; zwei Edelbars in Rom in der Via Giulio Cesare und in der Via del Traforo, die Geldwaschanlagen waren, das aus Fellinis „Dolce vita“ bekannte Café de Paris in der Via Veneto, das 2009 als ’ndrangheta-Besitz beschlagnahmt und 2011 von der „Nationalen Agentur zur Verwaltung und Bestimmung konfiszierter Güter“ wieder eröffnet wurde, oder die Via Boito in Giussano, Provinz Monza und Brianza, wo der Clan des Capos Antonio Stagni mehrere Wohnungen besaß.

          Das Lokal galt lange als Inbegriff des römischen Dolce Vita. Es wurde geschlossen, als Verflechtungen mit der ’Ndrangheta-Familie Alvaro aufgedeckt wurden.
          Das Lokal galt lange als Inbegriff des römischen Dolce Vita. Es wurde geschlossen, als Verflechtungen mit der ’Ndrangheta-Familie Alvaro aufgedeckt wurden. : Bild: © Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

          Endlich die Panorama-Ansicht von Bardonecchia im Piemont, einem Wintersportidyll mit schneebedeckten Dächern, das als erste norditalienische Gemeinde 1995 wegen Mafia-Infiltration unter Zwangsverwaltung gestellt wurde.

          Die sachlichen Aufnahmen lassen nicht erkennen oder ahnen, dass die Orte von der organisierten Kriminalität besetzt oder unterminiert sind. Die Mafia hat sich der gesellschaftlichen Normalität angepasst und in den Wirtschaftskreislauf eingeklinkt. Unsichtbar ist sie präsent. Erst die Bildunterschriften nehmen den Bildern die Unschuld, das Heimliche macht sie unheimlich.

          Als die Mafia noch mit Blut Geschichte schrieb

          Wie spektakulär war das noch, als die Fotoreporterin Letizia Battaglia in den siebziger und achtziger Jahren in Palermo die „bleierne Zeit“ porträtierte: Meuchelmorde und Massaker, Blut und Gewalt, Wut und Tränen. Der 1969 geborene Bonaventura und der elf Jahre jüngere Imbriaco, beide in Rom zu Hause, bezeugen als ihre Künstler-Söhne den Strukturwandel: Unterwanderung statt Konfrontation. Je unauffälliger die Mafia agiert, desto rentabler. Doch Wunden eitern.

          Die Staatsstraße 106 bei Palizzi in Kalabrien führt durch eine moderne Ruinenlandschaft, den Pizzo Sella oberhalb von Mondello, dem Badevorort von Palermo, „zieren“ Schwarzbauten, im Steinbruch zwischen Mazara del Vallo und Marsala wurde Giftmüll entsorgt, und die in der Abendsonne glänzende Regi-Lagni-Mündung, ein im 17. Jahrhundert angelegtes Kanalsystem in Kampanien, ist verseucht wie der benachbarte Küstenabschnitt bei Castel Volturno. Doch die Zeiten, da ein Camorra-Boss im Medici-Palast von Ottaviano residierte, sind vorbei: 1997 konfisziert, ist das Anwesen heute Sitz der Verwaltung des Nationalparks Vesuv.

          Zwischen Mazara del Vallo und Marsala wurde Giftmüll entsorgt, und die auf diesem Bild in der Abendsonne glänzende Regi-Lagni-Mündung ist verseucht.
          Zwischen Mazara del Vallo und Marsala wurde Giftmüll entsorgt, und die auf diesem Bild in der Abendsonne glänzende Regi-Lagni-Mündung ist verseucht. : Bild: © Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

          Damals schrieb die Mafia noch mit Blut Geschichte: Auf der Flughafenautobahn bei Capaci wurden am 23. Mai 1992 der Richter Giovanni Falcone, seine Frau und drei Leibwächter, in der Via Mariano D’Amelio in Palermo sieben Wochen später sein Freund und Kollege Paolo Borsellino und fünf Begleiter in die Luft gesprengt. Der erste Tatort erscheint im Video, aufgenommen von der Stelle, wo die Bombe gezündet wurde, der zweite auf einem Foto der Concierge-Kabine vor dem vergitterten Haus.

          Kulturelle Offensive und politische Tat

          Viele Orte kennt man aus Film und Fernsehen: Die Hochhausriegel der Trabantenstadt Scampia nördlich von Neapel sind Schauplatz von Roberto Savianos „Gomorrha“, das Bild der ärmlichen Bauernkate in den Hügeln bei Corleone, von der aus Bernardo Provenzano, der Boss der Bosse, sein Imperium regierte, ging, als er 2006 nach 43 Jahren auf der Flucht verhaftet wurde, um die Welt. Fast idyllisch sieht sie aus: Die weidenden Schafen weisen dem (abwesenden) Capo die Rolle des Hirten zu.

          Bekannt aus Film und Fernsehen: Die Hochhausriegel der Trabantenstadt Scampia nördlich von Neapel sind Schauplatz von Roberto Savianos „Gomorrha“.
          Bekannt aus Film und Fernsehen: Die Hochhausriegel der Trabantenstadt Scampia nördlich von Neapel sind Schauplatz von Roberto Savianos „Gomorrha“. : Bild: © Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

          Die Ausstellung beantwortet Fragen, die fast jeder Italien-Tourist im Gepäck hat. Wie ist das mit der Mafia, die längst im Norden (auch in Deutschland) angekommen ist? Was muss ich befürchten? Bekomme ich etwas mit? Man erfährt: Es reicht nicht, die Augen offen zu halten. Die rund fünfzig Bilder sind eine italienische Reise, die, was Luigi Ghirri 1984 mit „Viaggio in Italia“, einem Manifest der Landschaftsfotografie, vorgelegt hat, kriminalistisch zuspitzt: Ansichten von vergessenen, verschwiegenen, verschwundenen Orten, die von Italiens dunkler Seite erzählen.

          Die von Fabio Severo und Thomas Schirmböck kuratierte Schau, die die Dokumentation erstmals in Deutschland vorstellt, ist eine kulturelle Offensive und eine politische Tat. Mannheim ist ein Brennpunkt der „pista tedesca“, der deutschen Spur. Hier leben Angehörige verhafteter Mafiosi. Der Richter und Mafia-Jäger Paolo Borsellino wollte am 20. Juli 1992 nach Mannheim kommen, um im Gefängnis einen Kronzeugen zu vernehmen, den er kurz zuvor überredet hatte, mit der Polizei zu kooperieren. Am 19. Juli 1992 wurde Borsellino vor dem Haus seiner Mutter ermordet.

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