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Märtyrermuseum in Kopenhagen : Geisterbahn mit Attentäter

  • -Aktualisiert am

„Replik eines umgestürzten Pappbechers“ vom Brüsseler Flughafen Bild: Martyrmuseum

Das neue „Märtyrermuseum“ in Kopenhagen versucht sich an einer Definition des Märtyrertums. Doch anstelle von skandalösen Inhalten zeigt es allenfalls eine unterhaltsame Theaterperformance.

          Das sind nicht die Gesichter von Provokateuren. Henrik Grimbäck und Ida Grarup Nielsen sitzen im backsteinfarbenen Teil des einstigen Schlachter-Viertels von Kopenhagen in der Sonne. Wenn sie über das „Märtyrermuseum“ reden, das sie mit Kommilitonen von „Den Danske Scenekunstskolen“ konzipiert haben, erscheint dieses „Museum“ beinahe wie ein harmloses Projekt aus dem vierten Studienjahr, das durch eine Art Missverständnis mehr Aufmerksamkeit bekam denn gedacht.

          Das „Märtyrermuseum“ hat schon Wochen vor der Eröffnung die Gemüter erregt. Selbst Dänemarks Kulturminister hat sich von ihm distanziert, was daran liegen mag, dass er auch Kirchenminister ist. Auffällig viele von denen, die im Karikaturen-Streit auf Meinungsfreiheit pochen, sagt Ida Grarup Nielsen, gerieten bei der Vorstellung in Rage, dass islamistische Terroristen, die Täter von New York, Paris und Brüssel, neben christlichen Märtyrern und Menschenrechtsaktivisten wie Martin Luther King ausgestellt werden. Aber Kopenhagen ist nicht Teheran, wo es ein Märtyrermuseum gibt, das Gewalttäter zu Vorbildern und Helden frisiert.

          Eine Künstlergruppe sucht die Konfrontation

          Das ist der Punkt: Das iranische Märtyrermuseum hat Ida Grarup Nielsen auf einer Reise gesehen. Sie betrat einen befremdlichen, den „Märtyrern“ der islamischen Revolution und des Iran-Irak-Krieges gewidmeten Ort und erschrak, weil man sich bei uns kaum noch vorstellen mag, für welche Idee man in den Tod gehen würde. Dieser Märtyrerbegriff widerspricht allem, was man im Land des Dannebrogs für einen Märtyrer hält. Sollte man sich damit aber nicht befassen?

          In Zeiten zunehmender Polarisierung könne das hilfreich sein, sagt Henrik Grimbäck. So begannen sie, über einen künstlerischen Zugang zum Thema nachzudenken. Der Kopenhagener Theatermacher Christian Lollike stieß hinzu, der 2012 das sogenannte „Manifest“ des Rechtsterroristen Breivik auf die Bühne gebracht hatte. Ihm erzählte Ida Grarup Nielsen von der Idee, und so wurde die Künstlergruppe, die sich „The other eye of the tiger“ nennt, von Lollikes Theater Sort/Hvid, was Schwarz/Weiß bedeutet, unterstützt.

          Zur Gruppe zählt auch der Schauspieler Morten Hee Andersen. Er spielt eine wichtige Rolle, da sich das „Märtyrermuseum“ so richtig nur über die zugehörige Performance erschließen lässt. Auch das, sagen die Künstler, hätten einige Kritiker bis zur Eröffnung vor ein paar Tagen ausgeblendet, nicht verstanden oder nicht gewusst.

          Aussichtloser Versuch einer anerkannten Definition

          Den Vorwurf, mit dem „Märtyrermuseum“ nur provozieren zu wollen, weist die Künstlergruppe zurück. Erst recht den Vorhalt, sie sympathisiere mit dem Terror. Sie wollten schlicht untersuchen, „was ein Märtyrer ist“ oder sein soll, aufgehängt an den Geschichten von Menschen, die von anderen – „also nicht von uns“ – als Märtyrer bezeichnet werden.

          Zu diesen Geschichten zählt jene vom heiligen Stephanus, der als erster christlicher Märtyrer gilt, und jene Martin Luther Kings, der im Portal von Westminister Abbey zu den „zehn Märtyrern des zwanzigsten Jahrhunderts“ gezählt wird. Oder die von Sokrates, aus dessen Giftbecher das Museum einige Tröpfchen Schierlings-Saft zu besitzen vorgibt. Oder eben die der Terroristen von Brüssel, die keine Gewaltopfer waren, sondern Gewalt ausübten: Täter mit kriminellen Werdegängen, wie es im Begleittext zu den El-Bakroui-Brüdern heißt.

          Ist es pietätlos, sie in dieser Ausstellung zu haben? Die Künstler, die immer wieder betonen, nicht vergleichen zu wollen, bewirken doch nichts anderes: Man beginnt die „Märtyrer“ wie beim Supertrumpf-Kartenspiel zu vergleichen. Das Museum wird zur begehbaren Begriffsgeschichte.

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