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Märtyrermuseum in Kopenhagen : Geisterbahn mit Attentäter

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Verschiedene Sehfehler: Wer hat beim Definitionsansatz den Durchblick? Bilderstrecke

Im Eingang hängen auf die Kacheln des früheren Schlachthofes geklebte Zitate des Religionsforscher Paul Middleton. Sie unterstreichen nicht nur, dass die entscheidende Rolle beim Märtyrertum den Erzählern der Geschichten zukommt. Sie betonen, dass es seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 „für Politiker, Akademiker und religiöse Führer“ wichtig geworden sei, zwischen „richtigen“ und „falschen“ Erscheinungsformen des Märtyrertums zu unterscheiden. Der Versuch, eine allseits anerkannte Definition zu finden, ist zum Scheitern verurteilt.

Im Theater dürfen die Requisiten nicht fehlen

Museumsführer Morten erwartet uns: grüner Pulli, lila Kragen, braune Schuhe. Mild lächelnd stattet er die Besucher mit Kopfhörern aus, in die bei Bedarf billige Drumcomputer-Schleifen gespielt werden; ein Verfremdungseffekt. Dann das erste Exponat, der letzte Stein angeblich, der Stephanus traf. Morten, der unbedarfte Guide, beginnt sich in Morten, den raunenden Erzähler, und bei Bedarf in den Märtyrer selbst zu verwandeln. „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“, ruft er kniend. Das Publikum, das die Menge darstellen soll ist mucksmäuschenstill.

Nicht anders ist es, als Morten in der ehemaligen Kühlkammer, deren Stahltür bis auf einen kleinen Spalt zufällt, vom Franziskanerpater Maximilian Kolbe in Auschwitz berichtet. Seine Stimme wird brüchig, er kriecht über den Boden. Auf ähnliche Weise macht Morten, der Schauspieler, uns zu suizidbereiten Anhängern der Sekte „Heavens’ Gate“ oder zu Zeugen des Bombenanschlags, den eine „schwarze Witwe“, deren Mann in Tschetschenien starb, in der Moskauer U-Bahn verübt. Der Begriff „Märtyrer“ kommt aus dem Griechischen: Zeuge.

Morten erzählt auch von den zehn Rabbis, die Kaiser Hadrian töten ließ, und frühen islamischen Märtyrern wie Sumayya bint Khayyat. Beim heiligen Olav, dem Wikingerkönig, der das Christentum auch mit dem Schwert nach Norwegen brachte, rüttelt er an der Vorstellung, sämtliche christliche Märtyrer seien friedlich gewesen. Die abgetrennte Gesichtshaut von Rabbi Jischmael wird bestaunt, der Pfeil, der den Hals von Imam Husseins Säugling durchbohrte, Rosa Luxemburgs letzte Worte endlos auf Papier. Über den Schlachthaus-Schienen baumelt ein Flugzeug japanischer Kamikaze-Piloten, im Raum neben dem Museumsshop, der kein wirklicher ist, stehen die Benzinkanister, die Thich Quang Duc, Jan Palach und Mohamed Bouazizi bei ihren Selbstverbrennungen verwendet haben. Alles Fake-Exponate. Eigenhändig gebaute Requisiten, wo vorhanden, ergänzt um Porträts.

Das gilt auch für die Objekte der vorletzten Station, der nur noch eine Selfie-Fotobox für die „Märtyrer der Zukunft“ folgt (die ersten Besucher stilisierten sich grinsend zu Märtyrern der Liebe, des Feminismus, Klimaschutzes, Veganismus und Kinderschutzes). Wir stehen im Pariser Club Bataclan. Der Bass dröhnt. Das Licht ist farbig und heruntergedimmt, in den Vitrinen liegen Überreste aus den Twin Towers, der zerfetzte Handschuhfinger eines Attentäters von Brüssel-Zaventem und „Eagle of Death Metal“-Tickets. Dann, als der Bass abreißt, presst Morten jeden Besucher mit todernstem Blick rücklings an die Wand, um in gleißendem Licht die Worte zu sprechen, die einer der Terroristen im November 2015 gerufen haben soll: „Es gibt Dinge, die nicht toleriert werden können. Deswegen müssen wir kämpfen.“

Ist das ein Märtyrer? Für die Terrormiliz IS und ihre Schergen ist es so. Doch fragt man sich, was der Fingerzeig auf die ideologische Komponente des Terrors bewirken soll. Wieso bleibt beim Blick auf diese vermeintlichen „Märtyrer“ die Perspektive der Opfer und ihrer Familien außen vor? Ein Skandal ist das „Märtyrermuseum“ nicht. Es ist vor allem Theater.

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