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Herren-Glosse : Mannieren

  • -Aktualisiert am

So schwer haben es Männer heutzutage (Symbolbild). Bild: Picture-Alliance

Abschiebung, Obergrenzen, Straflager: Der Mann ist weltweit bedroht von den ganzen Emanzen. Doch wer nun unscharf argumentiert, macht seinen Geschlechtsgenossen das Leben nicht gerade leichter.

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          Einerseits hat der besonnene Jens Jessen mit seinem gestern in der „Zeit“ erschienenen und als „Wutausbruch“ ausgeflaggten Artikel „Der bedrohte Mann“ völlig recht: Die öffentlichen Anklagen gegen Männer folgen tatsächlich mehr und mehr „dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses, nur dass die Klassenzugehörigkeit durch die Geschlechtszugehörigkeit ersetzt ist“ – das Schema ist vor allem deshalb erfüllt, weil Zweck und Ergebnis der beiden verglichenen Fälle identisch sind: die Haft in speziellen Straflagern, die Hinrichtung, alles ist bei „#MeToo“ exakt so wie in der revolutionären Klassenjustiz.

          Auch ein zweiter Gedanke in Jessens Aufsatz fasst eine Fülle unbestreitbarer Beobachtungen begrifflich kristallklar zusammen, nämlich dass der feministische Rummel es „allen Männern erlaubt, die Diskriminierungserfahrung der Muslime zu machen: Was einige getan haben, wird allen zur Last gelegt. Jeder Muslim ein potenzieller Terrorist, jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger.“ Weiß Gott: Riesendiskussionen über Obergrenzen für Männer, mehrere Anläufe der mächtigsten Präsidentin der Welt, Hillary Clinton, die Einwanderung von Männern aus mehrheitlich männlichen Männerländern zu beschränken, Solidaritätserklärungen ehemaliger DDR-Bürgerrechtlerinnen mit Demonstranten, die keine Männervereine in der Nachbarschaft haben wollen – so ist es.

          Der weiße, männliche Sohn eines besserverdienenden Vaters wird sich in Deutschland darauf einstellen müssen, dass seine Zukunftsaussichten bis ins Detail denen der Tochter einer mittellosen Migrantin aus Afghanistan entsprechen (der Wahrheit die Ehre: Die des Jungen sind eher schlechter, wenn es so weitergeht). Andererseits: Wird das Anliegen, solchem Übel abzuhelfen, wirklich gefördert von Texten und Reden, in denen mit dem dicken Edding ein „Schema“ über reale Auseinandersetzungen gemalt wird oder ein gekränktes Herz die Grobheit dieser ganzen Emanzen da mit auch nicht gerade hochauflösenden und subtilen Kategorien wie „alle Männer“ pariert?

          Angenommen, jeder Fehltritt eines Mannes werde tatsächlich dazu benutzt, „alle Männer“ in die Kollektivhaftung zu drängen: Hat dann der einzelne Mann, der dagegen an exponierter Stelle redet oder schreibt, nicht eine besondere Verantwortung für seine entrechteten Brüder? Wie schwer macht Jessen zum Beispiel mir, einem echt total netten Typen, das Leben, wenn er mit abstrusen Vergleichen (die Moskauer Weinstein-Prozesse, die Anti-Männer-Femnigida) genau das Niveau bedient, das derzeit mehr als jedes rechte oder linke, jedes feministische, homophobe, antisemitische oder scientologische Programm, mehr als jede Ideologie, sozialpolitische Auseinandersetzungen zum Spielplatz und vielleicht wirklich bald zum Schlachtfeld aufeinanderprallender Idiotien zurichtet? Soll ich jetzt vernünftige Frauen etwa altmodisch, täppisch und verklemmt mit Pralinen und Blumen beruhigen, wenn sie von der Ungenauigkeit gedruckter Wutanfälle auf die Unhaltbarkeit aller Einwände gegen ihre Meinungen schließen? Nee, weißte, danke, Mann.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

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