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Lotto im Museo del Prado : Fünf Jahrhunderte in einem Nu

Auch wenn man in seinen Porträts einen Hang zu feiner Ironie erkennt, wird er oftmals als schwermütig beschrieben: Der Prado zeigt die Porträtkunst des Renaissance-Genies Lorenzo Lotto

          4 Min.

          Die Geschichte war nicht gerecht zu Lorenzo Lotto. In Venedig als Kaufmannssohn geboren, starb er verarmt im Laienbruderhabit des Marienheiligtums von Loreto, und während der Ruhm seines Rivalen Tizian nach dessen Tod immer weiter wuchs, wurde Lotto rasch vergessen. Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts schrieb man seine Bilder Correggio, Bellini, Giorgione, Palma und sogar dem jüngeren Holbein zu, bevor mit Bernard Berensons Lotto-Biographie die große Wiederentdeckung begann. Inzwischen ist das Werk des Venezianers nahezu vollständig ausgestellt und katalogisiert, aber sein Aufstieg in die erste Reihe der Renaissancemaler noch lange nicht abgeschlossen: So schnell wird eben niemand vom Nobody zum Klassiker.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Ausstellung von Lorenzo Lottos Porträts im Prado ist eine neue Etappe auf diesem Weg. Schon Berenson legte besonderen Wert auf Lottos Porträtkunst, was auch daran gelegen haben mag, dass die großen Altarbilder des Malers auf ein Dutzend Klein- und Mittelstädte in Norditalien verteilt und nur den ausdauerndsten Kunstreisenden vertraut sind. „Nie zuvor oder seither“, so der Biograph, habe ein Künstler mehr Innenleben auf einem Gesicht zum Vorschein gebracht.

          Im weichen Schwung des Kinns liegt die Spur des Meisters

          Das könnte auch als Motto über der Madrider Ausstellung stehen, obwohl das erste Gemälde, das sie zeigt, nicht gänzlich sicher Lotto zugeschrieben ist. Der Jüngling mit den vollen Lippen, der melancholisch unter seinen braunen Stirnlocken hervorschaut, könnte ebenso gut ein Spitzenprodukt der Bellini-Schule sein; erst auf den zweiten Blick, nach dem Rundgang durch die in Kreisform geordnete Ausstellung, glaubt man in den verschatteten Augenlidern und im weichen Schwung des Kinns die Spur des Meisters zu erkennen.

          Umso deutlicher erkennbar ist Lottos Handschrift auf dem Porträt des Bischofs Bernardo de’ Rossi, der ein Renaissancemensch nach Burckhardts Geschmack gewesen sein muss. Zu Beginn des Jahrhunderts holte Bernardo den jungen Lotto an seinen Kurienhof in Treviso, wo der Maler in einem Zirkel aus humanistischen Freigeistern und Kunstkennern intellektuell aufblühte. 1503 überstand der Bischof ein Attentat der Stadtpatrizier, denen seine Macht über den Kopf wuchs, zwei Jahre später malte ihn Lotto als Kirchenfürsten mit Lutherstirn und Condottiereblick, lebensgierig und irdisch bis in die Knochen.

          Der wahre Geniestreich Lottos allerdings ist das im Jahr darauf entstandene Bildnis von Bernardos Sekretär Broccardo Malchiostro, den die Madrider Kuratoren als „Jungen Mann mit einer Lampe“ etikettieren. Die Öllampe rechts oben im Bild wirft ihren blassen Schein in die Welt von vorgestern, das Gesicht vor dem Damastvorhang dagegen springt den Betrachter mit der Unmittelbarkeit eines Porträtfotos an. Angst und Ambition, Eigensinn und Grübelei mischen sich auf diesen Zügen, die den Blick des Malers zu uns zurückwerfen und die Distanz von fünf Jahrhunderten in einem Wimpernschlag aufheben.

          Von Treviso aus verläuft Lottos Leben im Zickzack. Noch bevor sein Mäzen 1509 endgültig aus seiner Diözese vertrieben wird, geht der Künstler nach Süden, zunächst nach Recanati und Jesi, wo er Altarbilder malt, dann nach Rom, wo er die päpstlichen Stanzen auszuschmücken beginnt, ehe er von dem besser protegierten Raffael verdrängt wird. Danach arbeitet er zwölf Jahre in Bergamo und sieben Jahre in Venedig, bevor er, nach weiteren zwei Jahrzehnten des Pendelns zwischen seiner Heimatstadt, den adriatischen Marken und Treviso, seine lange letzte Reise nach Loreto antritt.

          Die Kunsthistoriker seit Berenson erklären dieses Hin und Her mit Lottos unstetem Wesen, und es gibt Dokumente (darunter das Testament des fünfzigjährigen Malers, mit dem die Ausstellung beginnt), die ihn als eigenbrötlerischen und von Schwermut geplagten Zeitgenossen ausweisen. Aber ebenso bestimmend für Lottos Schicksal war der Kunstmarkt seiner Zeit. Als er 1525 nach Venedig zurückkehrte, hatten sich Tizian und Palma dort die besten Pfründen gesichert.

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