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„Madonna - Nudes“ in Köln : Die Hüfte bitte ein wenig in die Höhe

Auf der Bühne tobt sie, in einer Galerie hängt sie nackt an der Wand. Martin Schreiber hat im Februar 1979 Aktfotos von Madonna gemacht. Nun stellt er sie in Köln aus. Doch die Queen of Pop hat kein Herz für Fotografen.

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          Nein, Madonna machte weder sich den Spaß noch den Gästen die Freude, unangekündigt in die Eröffnung der Fotoausstellung „Madonna - Nudes“ zu schneien. Dabei sprach alles dafür, dass sie in der Stadt war. Vielleicht nur ein paar Häuserblocks entfernt, schlechtestenfalls einige Kilometer. Denn Martin Schreiber und Ralf Daab hatten den Termin mit den Konzerten der „Rebel Heart“-Tournee abgestimmt, die Madonna gestern und heute nach Köln geführt haben. Der Rebell aber hat kein Herz für Fotografen. Zumindest für Martin Schreiber nicht. „She denigrates me“, sagt der. Was so viel heißt wie: anschwärzen, verunglimpfen. Im Laufe des Gesprächs freilich stellt sich heraus, dass es korrekter heißen müsste: Sie ignoriert mich.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Keine Antwort auf seine Briefe, kein Dankeschön für seine Päckchen. Alles kommt ungeöffnet zurück, sagt er - umgeben von zwei Dutzend Großformaten an den Wänden, die Madonna sitzend, hockend, hingestreckt vor einem grauen Vorhang zeigen. Stets nackt und stets von Licht umschmeichelt wie über den schlanken Körper ausgegossen, einmal kühn den Schoß leicht in die Höhe gestreckt. Das Einzige, was Schreiber neben diesen Aufnahmen von Madonna besitzt, ist ihre Unterschrift auf einem „Model Release“, einer Verzichtserklärung auf Ansprüche jeglicher Art an allen Bildern, die er von ihr gemacht hat. Drei Stunden lang saß sie ihm Modell, dreißig Dollar hat sie dafür erhalten. Das war im Februar 1979. Mit der Abbildung des Vertrags endet Schreibers schmaler Fotoband, der parallel zur Ausstellung bei Daab Media erschienen ist.

          Madonna war damals zwanzig Jahre alt, ihr Geld verdiente sie als Tänzerin und Aktmodell. Martin Schreiber war etwas über dreißig und gab in seinem New Yorker Loft Kurse in Fotografie. Ein Seminar hieß „Photographing the Nude“, zu dem eine Agentur Madonna Ciccone schickte. Fünfzehn engagierte Amateure, zwischen zwanzig und fünfzig Jahre alt, knipsten los. Wie man sich den Abend vorstellen muss, erzählen Schreibers Kontaktabzüge: Brav sitzt die junge Frau zunächst mit T-Shirt und Leggings auf dem Boden und schaut lustlos in den Raum, dann streichelt sie ein Kätzchen, bevor allmählich die Hüllen fallen. Schreiber wagt sich immer näher heran, schon beim zweiten Kleinbildfilm hat er seinen Studenten endgültig jede Sicht genommen, so eng rückt er Madonna, buchstäblich, auf die Pelle. Sie sei anders gewesen als die rührend tollpatschigen Durchschnittsmodels, die ihm von der Agentur sonst geschickt wurden, sagt er und dass es ja Hunderte solcher Abende in seinem Atelier gegeben hat. Und mit entwaffnender Offenheit fügt er hinzu: „Kein Mensch würde sich für die Aufnahmen interessieren, wenn sie nicht Madonna zeigten.“

          Bis es so weit war, vergingen Jahre, und man muss sich wundern, dass Schreiber sich überhaupt noch an die Bilder erinnerte und sie aus dem Archiv kramen konnte, als Madonna erst zum Megastar und dann zur erfolgreichsten Popmusikerin des Universums wurde. Erst eine Bildstrecke im Playboy, dann, 1990, ein erstes Buch „Madonna - Nudes“ mit braven, züchtigen Aktaufnahmen, von dem sich immerhin hunderttausend Stück verkauften. Madonnas Reaktion war ein eigener Band: „Sex“, für den sie dem Fotografen Steven Meisel als erotisches Kraftpaket posierte, das seine splitterfasernackten Spielkameraden inmitten eines ekstatischen Gehampels und Gereibes mal am Hundehalsband, mal an Brustwarzenringen durchs Bild zerrt. „Express yourself!“, hieß einer ihrer Hits. Und man konnte die Besessenheit und den künstlerischen Impetus, mit denen sie sich dem Thema widmete, durchaus anerkennen, bevor man den Vorwurf des Marketingkalküls formulierte. Sie setzte viel aufs Spiel. Und kein Gesetz zum Schutz der Jugend konnte verhindern, dass ihre Fans das großformatige, von Metallplatten gehaltene Buch 750000 Mal kauften.

          „Each time they take the photograph, I lose a part I can’t get back“, singt Madonna jetzt auf ihrem jüngsten, unlängst erschienenen Album - und kann damit nur jene Medienmaschinerie meinen, die sie nicht selbst in Gang setzt und kontrolliert. Und Martin Schreiber vielleicht, der sie auch in „Nudes II“ mit zurückgehaltenem Material von damals in eine Zeit entführt, der selbst die Ursünde noch fremd ist, während sie sich auf der Bühne längst ans Kreuz nageln lässt. Gerne, sagt er, würde er sie noch einmal fotografieren. Bild für Bild in den exakt gleichen Posen und Ausschnitten. Kein Wunder, dass sie sich nicht meldet.

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