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Poetikvorlesung in Zürich : Mit stechenden Augen auf dem Weg zum Gipfel

Wandert durch Sprachlandschaften: Madame Nielsen in Zürich Bild: Philipp Theisohn

Das Dasein als gelebtes Werk: Die dänische Performancekünstlerin, Musikerin und Schriftstellerin Madame Nielsen hält die Poetikvorlesung in Zürich.

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          Sie kam auf die Bühne wie eine Bergsteigerin. Mit Daunenjacke, Wollmütze und Handschuhen, einem Rucksack und zwei schweren Wanderschuhen. Als wäre sie auf dem Weg zu einem hohen Gipfel, wo der Wind pfeift und schon Schnee liegt, und würde hier im Zürcher Literaturhaus nur einen kurzen Zwischenhalt machen. „Ich bin nicht Madame Nielsen“, lautete der erste Stiller-Satz, den die Autorin von „Der endlose Sommer“ oder „Das Monster“ vom Stehpult sowohl in einen trotz Corona erstaunlich gut gefüllten Zuschauersaal als auch in die weite Netzwelt hinausrief. Darauf folgte eine Aufzählung ihrer unterschiedlichen Identitätsbeschreibungen: „Ich bin Mensch und Weltbürger und Europäer und Tier und Wesen und Unwesen, Zombie und reiner Geist und vor allem plötzlich nicht mehr da.“

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Für immer etwas Unbestimmtes zu sein, nie greifbar, ordentlich, sinnvoll zu werden, das ist das große Ziel der dänischen Performancekünstlerin, Musikerin und Autorin Nielsen, die nach eigenen Angaben am 6. Mai 1963 als Claus Beck-Nielsen in Aarhus geboren wurde und am Abend des 12. Dezember 2000 in Kopenhagen auf die Straße trat, „Frau und Kind“ hinter sich ließ und ein neues Leben begann. Gut zehn Jahre lang arbeitete sie als ihr eigener Doppelgänger und als ein namenloser Angestellter in der nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheidenden Kunstproduktionsfirma „Beckwerk“, die sie für politische Performances nach Afghanistan, Ägypten, in den Irak und Iran schickte. 2010 inszenierte sie ihre eigene Beerdigung mitten auf einer vielbefahrenen Straßenkreuzung in Kopenhagen und trat wenige Jahre später als Madame Nielsen in Paris aus einer Klosterzelle auf die Straße.

          Kinskihafter Predigerton

          So jedenfalls erzählt sie im vorauseilenden Rückblick ihren Werdegang: als ständiges Ereignis, dauernden Übergang, als Entwurf einer Nichtidentität. „Ich bin etwas Unbestimmtes. Ich bin Potential.“ Was im ersten Moment leicht exaltiert klang, entwickelte im Laufe der wie ein Theaterstück in vier Akte gegliederten Vorlesung einen kinskihaften Predigerton. Nur eben in Dänisch, freundlich, ohne die kalkulierten Ausfälligkeiten.

          Nielsens Schreiben beginne dort, wo „die Wirklichkeit an ihr Ende kommt“, hatte Philipp Theisohn in seiner Einführung gesagt. Und es war, als wollte Madame Nielsen dieser empfindungsstarken Bewertung unbedingt ihr Recht erweisen. Sie sprach viel von Halluzinationen und Traumreden, vom Trieb, sich selbst ständig in eine neue Form setzen und auch die Welt formulieren zu müssen. Ihren Körper sprach sie als Material und Symbol für die Verbindung von „Individuellem und Planetarischem“ an und stellte sich selbst – im Überschwang der leidenschaftlichen Bedeutungssuche – als „Realisierung des avantgardistischen Traums einer Einheit von Leben und Werk“ vor. So mancher Satz klang sich selbst überschätzend, so manches Wort wie lange gesucht, aber die Faszination einer Autorin, die ihr Schreiben nicht nur lebendig, sondern auch leiblich begreift, sprang doch selbst im Stream über.

          Keine Träume im Angebot

          Als ihre zentrale Poetik hielt Nielsen fest, dass Schreiben immer Erinnern sei: „ein Erinnern an die Welt, das Leben und die Zeit, die nicht mehr oder noch nicht da ist“. Neben vielen literarischen Autoritäten wie etwa den von ihr unlängst in einem außergewöhnlichen Essay beschriebenen Peter Handke, den sie als ihren „irritierenden, aber immer inspirierenden Schreibensbruder“ anrief, distanzierte sie sich brüsk von jenen „kreuz und quer recherchierten Romanen“, die keine Musik, keine Träume im Angebot hätten.

          Von ihnen und auch beispielsweise von „Ernst Jüngers Stimme aus dem Krieg“ will sich Madame Nielsen gerade nichts sagen lassen. Stattdessen lieber ihr ganzes Dasein als gelebtes Werk verstehen und durch die Sprachlandschaften wandern, in „denen die unerhörten Wörter sich verbergen“. Noch eine rauschhafte Toncollage aus Dänisch, Spanisch und Englisch bot die Nielsen dar, dann schaute sie mit ihren stechenden Augen ins Publikum, dankte erst Giorgio Agamben und dann Gott und krabbelte mit den Händen in den Wanderschuhen wie Kafkas Käfer von der Bühne. Zurück auf ihren Weg hinauf zum Gipfel.

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