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„Mad Men“ kehrt zurück : Die richtige Pose zählt

  • -Aktualisiert am

Werben und werben lassen: Diese Charaktere führen in „Mad Men“ formvollendet eine Welt des schönen Scheins auf Bild: dapd

Nach langer Pause erscheint die amerikanische Serie „Mad Men“ wieder auf dem Bildschirm. Sie zeichnet ein Sittengemälde der sechziger Jahre sondergleichen.

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          Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von „Mad Men“, der amerikanischen Fernsehserie um eine Handvoll Werbeleute im New York der sechziger Jahre, in der tritt die Hauptfigur Don Draper (Jon Hamm) auf den Bürgersteig, setzt sich seine Ray-Ban-Brille auf, zieht genüsslich an einer Zigarette und beobachtet die vorbeiflanierenden Frauen. Aus dem Off ertönt die zweite Strophe des RollingStones-Hits „Satisfaction“, in der es um diese Gestalten im Fernsehen geht, die einem einreden wollen, dass man nur mit der richtigen Zigarettenmarke ein echter Mann ist. Die drängenden Beats des Songs und Drapers Contenance vereinen sich zu einem scharfen Kontrast, und im Nu ist Drapers Universum zusammengefasst: eine Welt aus Posen und Scheinbarkeiten, aus übertragenen, erfundenen oder geborgten Identitäten, in der beinahe jede Geste die Negation dessen ist, was die Figuren eigentlich ausmacht. Die Sonnenbrille steht Draper verdammt gut, sein Maßanzug sitzt hervorragend, er ist der Alpharüde einer Gang von Genusssüchtigen, deren Existenz sich in Rauchen, Trinken und Herumhuren erschöpft.

          Die Serie hat in den bisher vier Jahren ihrer Existenz zahlreiche Preise für Ausstattung, Drehbücher, schauspielerische Leistungen und Kameraarbeit gewonnen. Draper ist ein Aufsteiger und inzwischen kreativer Chef der Agentur Sterling Cooper Draper Pryce, zu der außerdem Roger Sterling (John Slattery als schlagfertige Werber-Version von Dr. House), Bert Cooper (Robert Morse als exzentrischer Seniorpartner, der die Werbeagentur einst mit Rogers Vater gründete) und Lane Pryce (Jared Harris als verschrobener Finanzmanager mit steifer Oberlippe) gehören sowie die junge Werbetexterin Peggy Olson (Elizabeth Moss als naives, aber ambitioniertes Talent in einem selbstverliebten Männerclub), der Juniorpartner Pete Campbell (Vincent Kartheiser als aalglatter, bubihafter Karrierist) und die Chefsekretärin Joan Harris (Christina Hendricks als kurvenreiche Domina).

          Mehr als nur attraktive Figuren

          Mit der fünften Staffel hat Amerika nach einer siebzehnmonatigen Pause endlich seine Lieblingsserie wieder, die wie keine andere die Pose als Mittel zum sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg und als integralen Bestandteil des amerikanischen Selbstverständnisses ausstellt: Unerreicht ist die Coolness der Herren, die mit einem Scotch in der Hand und Kippe zwischen den Fingern die Welt definieren; hinreißend ist die Attraktivität der Damen - von der drallen Joan bis zur kühlen Blondine Betty (January Jones als Drapers frustrierte Ex-Frau) -, mit der sie sich die besten Plätze am Spielfeldrand sichern; sorgfältig gepflegt wird weiterhin der Stil, der zielsicher Image und Status kommuniziert. Matthews Weiners Serie besticht als Sittenbild eines gar nicht so weit zurückliegenden Amerika, in dem Rassismus und Sexismus zum guten Ton gehörten und Blenderei zur popkulturellen Kunstform erhoben wurde.

          Natürlich ist „Mad Men“ nicht nur deshalb interessant, weil sich dort attraktive Figuren mit einem unerschütterlichen Sinn für Eleganz tummeln, sondern weil ihr Schöpfer Weiner, ein vormaliger „Sopranos“-Autor, vielschichtige Charaktere freilegt. Don Draper weiß am besten um die Posen, schließlich firmiert er statt unter dem eigenen Namen unter dem eines toten Kameraden aus dem Korea-Krieg. Aber er lässt seine Einsichten in die menschliche Psyche lieber in clevere Werbekampagnen fließen als in die Introspektive. Zwar hat Draper eine Läuterungsphase samt Sportprogramm und zeitweiser Alkoholabstinenz durchgemacht, doch mündete dies in eine Hals-über-Kopf-Ehe mit seiner Sekretärin Megan (Jessica Paré), was zu Megans Beförderung und zu Verwerfungen in der Agentur führt. Und so beginnt die fünfte Staffel mit einer explosiven Konstellation.

          Ein geheimnisvoller Fremder

          Die lange Pause war das Resultat zermürbender Verhandlungen zwischen Matthew Weiner, dem Studio Lionsgate und dem ausstrahlenden Sender AMC, die sich deshalb so lange hinzogen, weil Weiner sich weigerte, mehr Werbung oder eine kleinere Besetzung hinzunehmen, um die Kosten zu senken. „Dies mag die beste Arbeit meines Lebens sein“, sagte er dem Branchenmagazin „Entertainment Weekly“, das sich in einem Leitartikel um die Richtigstellung des Eindrucks bemühte, persönliche Gier sei Grund der schwierigen Gespräche gewesen.

          Die fünfte Staffel setzt mit dem vierzigsten Geburtstag von Don Draper ein - ein Fanal für den Star in einer Branche, der Jugend und der Finger am Puls der Zeit über alles gehen. Doch der Überraschungsparty seiner jungen Ehefrau begegnet Don mit ärgerlicher Zurückweisung - der Mann, der eben noch Einblicke in sein Innenleben gestattete, ist abermals ein geheimnisvoller Fremder. Auch die Agentur steht vor neuen Herausforderungen: Nach einer Anzeige, die als Seitenhieb auf einen Rassismus-Skandal der Konkurrenz gemeint war, stehen Afroamerikaner mit Bewerbungen Schlange. Nach der Kuba-Krise und dem Kennedy-Attentat in Staffel zwei und drei rahmt nun die Bürgerrechtsbewegung die fünfte Staffel ein.

          Matthew Weiner zufolge wird es noch zwei weitere Staffeln geben, dann ist Schluss - gemäß der seit den „Sopranos“ gültigen Maxime, ein Ende zu finden, bevor man ins Mittelmaß abrutscht. Wie lässt Weiner seinen Don Draper so schön sagen: „Wir sind fehlerhaft, weil wir mehr wollen. Wir sind ruiniert, weil wir es bekommen und uns zu dem zurücksehnen, was wir hatten.“

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