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Kampf um die Meinungsfreiheit : Être Charlie

Die Sonderausgabe von „Charlie Hebdo“ in dieser Woche. Bild: EPA

Emmanuel Macron preist die Meinungsfreiheit und solidarisiert sich mit „Charlie Hebdo“. Das ist wichtig und nötig. Denn die Zeichner der Satirezeitung sind weiter bedroht. Und die Islamisten hetzen immerfort.

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          Im Januar 2015, nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, bei dem zwei Islamisten zwölf Menschen töteten, und den darauffolgenden fünf Morden eines dritten Täters, unter anderem in einem jüdischen Supermarkt, hieß es allüberall: „Je suis Charlie.“

          Das war der Slogan, der auf Demonstrationen zu hören und zu sehen war und unter dem sich Menschen auf der ganzen Welt mit den Zeichnern der Satirezeitung solidarisierten. Das war ein Zeichen für die Meinungs- und Pressefreiheit, zu der auch gehört, dass man von sich geben, zeichnen, schreiben und darstellen darf, was andere als Gotteslästerung empfinden.

          Darauf hat jetzt der französische Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich des 150. Jahrestags der Gründung der Dritten Republik bei seiner Rede im Pariser Panthéon noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Er tat dies mit Verweis auf den Prozess, der gerade gegen mutmaßliche Helfer der Terroristen begonnen hat. Die Laizität garantiere die „Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben“, sagte Macron. Es gelte, die Freiheit zum Spott und zur Karikatur zu verteidigen.

          In dieser Hinsicht hatte er sich auch zu Beginn der Woche bei seiner Nahost-Reise in Beirut geäußert; etwas zurückhaltender, aber bestimmt: Es stehe ihm nicht zu, „die Wahl von Journalisten zu beurteilen“. Es ist wichtig, nicht nur bei einer Feiertagsrede auf scheinbar sicherem Terrain für die Meinungsfreiheit einzutreten, sondern auch dort und gegenüber jenen, die diese mit Blick auf die Religion oder das, was sie darunter verstehen, mit allen Mitteln bekämpfen und damit nicht aufhören.

          Anhänger der islamistischen Partei Tehreek-e-Labbaik demonstrieren am Freitag in Rawalpindi gegen „Charlie Hebdo“.
          Anhänger der islamistischen Partei Tehreek-e-Labbaik demonstrieren am Freitag in Rawalpindi gegen „Charlie Hebdo“. : Bild: AFP

          Kaum hatte „Charlie Hebdo“ Mitte der Woche, als der Terror-Prozess begann, die Mohammed-Karikaturen abermals veröffentlicht, die für die fanatischen Attentäter Anlass waren, zu morden, hieß es vom iranischen Außenministerium: „Die Beleidigung des Islams und des islamischen Propheten ist ein inakzeptabler obszöner Akt, den wir aufs schärfste verurteilen.“ Ebenso äußerte sich das türkische Außenministerium: Man verurteile „nachdrücklich die Entscheidung des Magazins, Karikaturen, die Respektlosigkeit gegenüber unserer Religion und unserem Propheten beinhalten, erneut zu veröffentlichen“, Beleidigung und Respektlosigkeit gegenüber Muslimen seien nicht mit der Presse-, Kunst- oder Meinungsfreiheit zu rechtfertigen.

          Emmanuel Macron bei seiner Rede im Pariser Panthéon.
          Emmanuel Macron bei seiner Rede im Pariser Panthéon. : Bild: Reuters

          In der Türkei, in Ägypten und in Iran gingen tausende von Menschen auf die Straße, um gegen die Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ zu protestieren. Ebenso in Pakistan, wo der Furor von der islamistischen Partei Tehreek-e-Labbaik angefacht wird, die mit der Behauptung angeblicher „Blasphemie“ ununterbrochen gegen Andersdenkende und Nicht-Muslime hetzt. Die Demonstranten trampeln auf der französischen Flagge herum, fordern die Ausweisung des französischen Botschafters und den Boykott französischer Waren.

          In diesem Treiben drückt sich ein Verständnis von „Meinungsfreiheit“ aus, das die Redaktion von „Charlie Hebdo“ heute wie ehedem bedroht. Ob die Karikaturisten den Propheten Mohammed zeichnen oder sich in anderer Weise über Religion als Ideologie der Ausgrenzung, der Intoleranz und des Hasses auslassen – es macht sie zur Zielscheibe.

          Die Karikaturisten zahlen einen hohen Preis, sie arbeiten unter Lebensgefahr und Polizeischutz. Und sie sind allein. Zwar war die Sonderausgabe mit den Karikaturen schnell ausverkauft und werden 200.000 Exemplare nachgedruckt. Aber Solidarisierungswelle ist längst abgeebbt. Dass der französische Präsident das Magazin „Charlie Hebdo“, dessen hart gegen jedermann austeilenden Stil einem behagen mag oder nicht, als Speerspitze der Meinungsfreiheit aufruft, ist von nicht geringzuschätzender Bedeutung. „Je suis Charlie“ gilt jeden Tag und überall.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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