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Macron und der Islam : Die Kapitulation vor der „Cancel Culture“

  • -Aktualisiert am

Unermüdlich erklärt Emmanuel Macron der arabischen Welt und den angelsächsischen Medien die Position Frankreichs zum Islam. Bild: AP

Der transatlantische Graben wird tiefer: Emmanuel Macron debattiert mit amerikanischen Medien über das Verständnis von Meinungsfreiheit, Staat und Religion – und rechtfertigt seine Position.

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          „Wir sind alle Amerikaner“ hatte „Le Monde“ nach den Attentaten auf die Twin Towers am 11. September 2001 seinen Leitartikel überschrieben. Als der Terror der Dschihadisten „Charlie Hebdo“ traf, ließen es die Amerikaner an Solidarität nicht mangeln. Als im Januar 2015 viele Staatschefs nach Paris reisten, um der Opfer des Anschlags auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ zu gedenken, war der damalige amerikanische Präsident Barack Obama nicht dabei.

          Schon damals gab es Meinungsunterschiede um die „verletzenden, geschmacklosen“ Karikaturen. Seither ist der transatlantische Graben, was das Verständnis von Meinungsfreiheit und die Rolle von Staat und Religion angeht, noch tiefer geworden. Das zeigt sich etwa an dem distanzierten Bericht der „New York Times“ über die Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty.

          Der „kleine Trump“

          Er erschien unter dem Titel „Mann köpft Lehrer auf der Straße in Frankreich und wird von der Polizei getötet.“ Es handelte sich bekanntlich um ein islamistisches Terrorverbrechen. Der Tat war eine tagelange Hetzjagd im Internet vorausgegangen, die den Mörder auf die Spur des Lehrers aufmerksam gemacht hatte.

          Über ihre Berichterstattung debattieren Emmanuel Macron und die amerikanischen Medien seit Wochen. Doch erst jetzt, da der französische Präsident den Medienredakteur der „New York Times“ anrief, hat die europäische Presse davon Kenntnis genommen. Für manche Zeitung war der Anruf Anlass, Macron als „kleinen Trump“ zu verhöhnen, der sich in redaktionelle Belange einmischt.

          „Zorn“ der Muslime

          Im Corona-Lockdown und angesichts höchster Terroralarmbereitschaft hat der französische Präsident zweifellos Wichtigeres zu tun. Fast täglich hält er im Elysée Kriegsrat. Doch seit den Enthauptungsattentaten an der Schule bei Paris und der Kirche in Nizza kämpft Macron auch an dieser Front: Unermüdlich versucht er, der arabischen Welt, in der Bilder mit seinem Konterfei verbrannt werden, und den angelsächsischen Medien die Position Frankreichs zu erklären.

          Der französische Staatspräsident ging zu „Al Dschazira“ und schickte lange vor dem Anruf in New York der „Financial Times“ in London eine Gegendarstellung – die tatsächlich gedruckt wurde. Der Brüssel-Korrespondent hatte den islamischen mit dem „islamistischen Separatismus“ verwechselt, von dem Macron sprach. Angesichts der hohen Zahl der – vor allem jungen – Muslime, denen die Scharia wichtiger ist als die Gesetze der Republik, stellt sich zwar sehr wohl die Frage, ob diese Unterscheidung überhaupt noch sinnvoll ist. Macron aber macht sie.

          Laizismus als „gefährliche Religion“

          Er spricht wie keiner seiner Vorgänger Englisch und liest die amerikanischen Zeitungen. Den „Zorn“ der Muslime auf ihn und sein Land hatte die Nachrichtenagentur Associated Press mit Frankreichs „brutaler kolonialistischer Vergangenheit, seinem unerbittlichen Laizismus und Macrons lauter und deutlicher Sprache“ gerechtfertigt, die den Eindruck erwecke, er sei dem „Islam gegenüber gleichgültig“.

          Den Laizismus betreibe Paris als „gefährliche französische Religion“, schrieb das Online-Blatt „Politico“. Möglicherweise ist dieses penetrante Unverständnis nicht mehr nur Ignoranz, sondern Blindheit und Ausdruck der eigenen Kapitulation vor der „Cancel Culture“ und dem Meinungsterror der Minderheiten. Die „New York Times“ schreibt „black“ inzwischen groß und veröffentlicht überhaupt keine Karikaturen mehr. Dass Macron diese als Gradmesser der Freiheit verteidigt, verdient den Dank und die Bewunderung der freien Welt. Wann erschallt in ihr der Ruf: „Wir sind alle Franzosen“?

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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