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Influencer und Afghanistan : Weltschmerz

  • -Aktualisiert am

Der Versuch, Aufmerksamkeit für Menschen in Not zu schaffen, und die eigenen kommerziellen Interessen liegen auf Instagram oft nah beieinander. Bild: Reuters

Von Kabul zur Flachmannwerbung mit nur einem Klick: Wie Influencer auf Instagram und anderen Netzwerken mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan umgehen.

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          „Fühlst du aktuell Weltschmerz?”, fragt die Influencerin Diana zur Löwen aus aktuellem Anlass ihre mehr als eine Million Follower auf Instagram. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist dort, wie auch auf Facebook oder Twitter, Thema Nummer eins. Auf Löwens Frage antworten 86 Prozent der Follower mit Ja. Im Hintergrund der Weltschmerz-Umfrage stopft sie allerdings gerade hastig ihr Glätteisen in die schwarze Designertasche: „Packe meine Tasche für Paris <3“. Viel Zeit für ernsthafte Auseinandersetzung bleibt also nicht. Doch soll man es dabei belassen? Darüber wird auf In­stagram seit Tagen debattiert: Wie geht man mit seiner Reichweite um? Der Versuch, Aufmerksamkeit für die Menschen in Not zu schaffen, und die eigenen kommerziellen Interessen liegen oft gefährlich nah beieinander.

          Stimme man dem Werbepartner nicht zu, die Kooperation angesichts der Ereignisse in Afghanistan zu verschieben, könne man das Ganze doch „empatisch einbetten“, rät die politisch engagierte Influencerin Louisa Dellert. Wie man es nicht machen sollte, zeigt indes eine Influencerin, die angesichts der Katastrophe in Afghanistan über ihr Privileg, an sauberes Trinkwasser zu kommen, räsoniert. Weil Wasser so wertvoll sei, habe sie stets eine Edelstahlflasche parat. Und? Man ahnt es – ein Link führt zu einem bestimmten Flaschenmodell: von Kabul zur Flachmannwerbung nur ein Klick.

          Empatische Grüße aus Dubai

          Die deutsche Influencer-Elite um Dagi Bee & Co. präsentiert ihrem Millionenpublikum aktuell einen wilden Mix aus Informationen, Spendenaufrufen für Afghanistan und Werbung für das eigene Merchandise. Empatische Grüße aus Dubai! Das ist ärgerlich, denn die Spendenaufrufe von Louisa Dellert oder Bemühungen anderer, den eigenen Auftritt für Experten oder Menschen aus Afghanistan zu öffnen, gibt es ebenso. Influencer können sich für etwas einsetzen, ohne das Leid anderer auszubeuten.

          Das britische Model Lily Cole freilich tat genau das. Als die Taliban Kabul einnahmen, postete sie auf Instagram zwei Bilder von sich in Burka – auf einem hat sie diese übergeworfen, auf dem anderen zeigt sie ihr Gesicht. Dazu fabulierte sie, man möge „die Vielfalt auf allen Ebenen begrüßen – biologische Vielfalt, kulturelle Vielfalt, Vielfalt des Denkens, Vielfalt der Stimmen, Vielfalt der Ideen“. Das war Werbung für ihr neues Buch. Vielfalt unter den Taliban? Darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Frauen in Afghanistan verhöhnt, die ihrer Menschenrechte beraubt werden, löschte Lily Cole den Beitrag, entschuldigte sich und gab an, sie habe die Weltnachrichten versäumt. Das Model stelle „Instagram-Postings über die allgemeinen Menschenrechte“, meinte die Times-Kolumnistin Janice Turner auf Twitter: „Ich wette, afghanische Frauen feiern die ‚Vielfalt‘ des Tragens dieses Leichentuchs.“

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