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Machtkampf in Marbach : Ende eines Leuchtturms?

Von David Chipperfield entworfen, von Ulrich Raulff 2006 eröffnet: das Literaturmuseum der Moderne in Marbach Bild: picture-alliance/ dpa

Triviale Personalquerelen statt konstruktive Lösung von Sachfragen: Das Marbacher Literaturarchiv wird in bisher nicht dagewesenem Maß durch einen Machtkampf bedroht.

          Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach gehört zu dem, was man nationale „Leuchttürme“ zu nennen sich angewöhnt hat. Sein derzeitiger Direktor, der einundsechzig Jahre alte Historiker Ulrich Raulff, hat dazu wesentlich beigetragen. In seiner Amtszeit wurde das Literaturmuseum fertiggestellt und in Betrieb genommen; seit er in Marbach ist, folgt ein bemerkenswerter Nachlasserwerb dem anderen - vom Suhrkamp-Archiv über Kafka bis zu den Hinterlassenschaften Reinhart Kosellecks und Hans Georg Gadamers. Auch der wissenschaftlichen Erschließungsarbeit hat Raulff, selbst ein forschender Archivar, neue Impulse gegeben. Marbach hat unter seiner Ägide nicht zuletzt die Verflochtenheit der Literaturgeschichte mit der Ideengeschichte für sich und für das Publikum entdeckt.

          Die Ära Raulff könnte nun aber ein plötzliches Ende finden. Am kommenden Samstag wird in Marbach über eine Satzungsänderung der Schillergesellschaft abgestimmt. Dieser Verein trägt das Literaturarchiv - rechtlich, nicht finanziell, denn der allergrößte Anteil an Mitteln, nämlich 95 Prozent, kommt aus dem Bund und aus Baden-Württemberg. Daneben gibt es noch Drittmittel, die, seit Raulff Direktor ist, ebenfalls erheblich gesteigert wurden. Der Wissenschaftsrat, der von Stuttgart gebeten wurde, das Archiv zu begutachten, hat, bei großem Lob für die dort geleistete Arbeit, energisch und wiederholt gefordert, den rechtlichen Rahmen dieser nationalen Institution an ihre finanziellen Voraussetzungen und ihre Bedeutung anzupassen. Sinngemäß hieß das: Es könne nicht sein, dass die Funktionsfähigkeit des Hauses von den Zufälligkeiten einer Vereinsversammlung abhänge, die unter anderem dazu führen, dass Angestellte des Archivs in ihrer Rolle als Mitglieder der Schillergesellschaft über ihren Vorgesetzten abstimmen.

          Es braucht eine funktionsfähige Leitungsstruktur

          Der neue Satzungsentwurf, über den jetzt entschieden wird, trägt dieser Forderung maßvoll Rechnung. Bislang hatten die Zuwendungsgeber im maßgeblichen Lenkungsausschuss ein Viertel der Stimmen; dem Entwurf zufolge soll es im neu so benannten „Kuratorium“, dem Aufsichtsorgan des Literaturarchivs, knapp ein Drittel sein. Zehn von neunzehn Stimmen bleiben bei der Schillergesellschaft. Mitarbeiter des Archivs sollen dem Kuratorium nicht angehören können. Außerdem soll, wie in jeder normalen Organisation, der Direktor - und nicht der „Aufsichtsrat“, also jenes Kuratorium - die Einstellung leitender Angestellter vornehmen können.

          Das Stichwort lautet tatsächlich „normale Organisation“. Was der Wissenschaftsrat vorgeschlagen hat und was von den Moderatoren im Konflikt, wie dem Münsteraner Öffentlichrechtler Janbernd Oebbecke und der ehemaligen Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, nicht anders gesehen wird, ist die Einführung einer funktionsfähigen Leitungsstruktur in ein Gebilde, das sich seit seiner Gründung völlig verändert hat. Dagegen jedoch gibt es erbitterte Widerstände seitens der Gegner Raulffs in den Reihen der Schillergesellschaft.

          Er hat der wissenschaftlichen Erschließungsarbeit in Marbach neue Impulse gegeben: Ulrich Raulff, hier bei einer Ausstellung zum Thema „Schicksal“ im Jahr 2011

          Bis zum heutigen Tage haben sie es nicht vermocht, ihre Reserven gegen seine Person, seine Ideen für Marbach und seinen Amtsstil, von der Sachfrage zu trennen, die hier anhängig ist und endlich entschieden werden muss. Kein anderer kultureller „Leuchtturm“ Deutschlands - weder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz noch die Deutsche Nationalbibliothek oder das Goethe-Institut - ist jemals einem solchen engstirnigen Hickhack um trivialste Organisationsfragen ausgesetzt worden wie Marbach in den vergangenen sieben Jahren.

          Der Steuerzahler trägt die Leuchttürme

          Die Zustimmung zur Satzungsänderung bedarf einer Dreiviertelmehrheit in der Mitgliederversammlung der Schillerfreunde. Dem Vernehmen nach ist es unwahrscheinlich, dass diese Stimmenzahl erreicht wird. Damit wären die Tage Ulrich Raulffs in Marbach gezählt. Doch Marbach würde damit nicht nur einen überaus produktiven Direktor verlieren. Die Schillergesellschaft hätte sich auch unmöglich gemacht. Wenn die Zuwendungsgeber Ernst mit dem machen würden, was sie zwischen den Zeilen schon angedroht haben, nämlich das ganze Spektrum ihrer Durchgriffsmöglichkeiten zu nutzen und Marbach gewissermaßen „auf null“ zu stellen, müsste noch der größte Anhänger von Subsidiarität und dezentralem Entscheiden mehr als Verständnis dafür aufbringen.

          Schließlich wäre auch jeder neue Direktor einer von Gnaden solcher Leute, die erkennbar weder die Literatur noch die Funktionsfähigkeit des Literaturarchivs oder gar das Erbe Schillers im Sinn haben, sondern nur ihre lokale Selbstbehauptung. Berlin und Stuttgart sind gegebenenfalls dazu aufgerufen, sich das nicht länger gefallen zu lassen. Es ist der allgemeine Steuerzahler, der die Leuchttürme trägt, nicht Koalitionen aus Honoratiorenklubs, kulturellen Interessengemeinschaften und Angestelltensprechern.

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