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Machthierarchien : Milieu und Moral

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Gellert-Therme in Budapest: Mordsspaß für Versicherungsvertreter Bild: dapd

Sowohl im Fall Strauss-Kahn als auch bei der jetzt bekannt gewordenen Lustreise der Vertreter von Hamburg-Mannheimer nach Budapest pflegen die Verteidiger einen bizarren Jargon. Die Frauenquote könnte Abhilfe schaffen.

          Sind es bloß Zufälle, wenn sich plötzlich in kurzer Folge Skandale in der Öffentlichkeit breitmachen, die strukturelle Ähnlichkeiten teilen? Oder muss man diese Ähnlichkeiten ernst nehmen und Konsequenzen daraus ziehen? Was den Fall der Versicherung Hamburg-Mannheimer anbetrifft, stößt man auf einen Jargon, der mit Blick auf die letzten Wochen vertraut scheint. „Keuschheitsgürtel können wir nicht umhängen“, kommentierte lapidar Herbert Haas, Chef des Versicherungskonzerns Talanx, was die Branche in den vergangen Tagen erschütterte.

          Im Jahr 2007 hatte die Versicherung Hamburg-Mannheimer, die inzwischen eine Tochter des Ergo-Konzerns ist, ihre erfolgreichsten hundert Vertreter zu einer Sex-Party nach Budapest eingeladen. Zu diesem Zweck habe die Versicherung die Gellert-Therme angemietet und in ein Bordell verwandelt. Nach einem Bericht im „Handelsblatt“ seien die Frauen mit Bändchen markiert worden, die den geladenen Gästen anzeigten, für welche Hierarchiestufe innerhalb des Konzerns und zu welchen Diensten sie zur Verfügung standen. Um zu vermerken, wie oft eine Frau in Anspruch genommen wurde, sei sie von den Freiern auf den Unterarm gestempelt worden. Eine Sprecherin des Ergo-Konzerns bestätigte, dass „bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise circa 20 Prostituierte anwesend waren“. Berichten von „Spiegel Online“ zufolge sei danach im Vertretermagazin über die Reise als einem „Mordsspaß“ geschwärmt worden.

          Nun kann man es sich einfach machen und sagen, dass es ja längst bekannt sei, dass viele Betriebsfeiern in Bordells ausklängen oder Prostituierte zu solchen Anlässen bestellt würden. Auf der Frankfurter Imex, der größten internationalen Messe für Geschäftsreisen und Incentives, die heute zu Ende geht, findet man natürlich trotzdem keine Stände, die Reisepakete für Bordellbesuche oder Escortservice anbieten.

          Lustverzicht als Alternative zum Bordellbesuch?

          Ist es trotzdem heuchlerisch, die Hamburg-Mannheimer an den Pranger zu stellen, wenn es doch als offenes Geheimnis gilt, dass zahlreiche andere Unternehmen ebenso verfahren? Ist nichts vorgefallen, das wir nicht ohnehin schon wüssten? Tatsächlich liegt der jetzt bekanntgewordene Fall anders. Der Umfang dieser Reise lässt auf eine verblüffende Offenheit schließen, mit der das Unternehmen die Reise angegangen ist: Für mindestens hundert Männer musste die Fahrt gebucht und organisiert werden; die Anmietung der Therme und der Prostituierten wurde ebenfalls geplant. Darauf verlassen, dass keiner der geladenen Gäste die Veranstaltung als eine unangenehme Überraschung empfindet, konnte man sich offenkundig auch. Insgesamt 300.000 Euro kostete die Reise, eine Summe, die eine relativ komplexe Infrastruktur benötigt und nicht schnell von einer Hand in die andere wechselt.

          Insofern zeigt der Fall nicht nur, dass es solche Reisen gibt. Er zeigt darüber hinaus, dass im Milieu dieses Unternehmens sich eine Selbstverständlichkeit herausgebildet hat, mit der für die Mitarbeiter und Vorstände ein solcher Betriebsausflug gebucht, organisiert und durchgeführt werden könnte – als führe man einfach zu einem Champions-League-Spiel. Offensichtlich gab es innerhalb dieses Milieus niemanden, der erfolgreich Einspruch erheben konnte oder wollte. Und wenn Tanax-Chef Herbert Haas zwar für seinen Konzern solche Reisen ausschließt, aber gleichzeitig von der Unmöglichkeit spricht, den Mitarbeitern einen „Keuschheitsgürtel“ umzuhängen, klingt es so, als sei die Alternative zum Bordellbesuch Lustverzicht und der Rückfall in finstere mittelalterliche Moralvorstellungen.

          Ungestörte männliche Milieus

          Das Phänomen aber, dass Milieus sich eigene Moralvorstellungen zurechtschustern und praktizieren, ist uns gerade in einer anderen Debatte begegnet: Die Verteidiger von Dominique Strauss-Kahn in Frankreich behandelten den Verdacht der Vergewaltigung wie eine Zimperlichkeit von Moralaposteln. Der Philosoph Bernard-Henri Lévy nannte das Vorgehen der Amerikaner „puritanischen Irrsinn“ (siehe Bernard-Henri Lévy über Strauss-Kahn: Puritanischer Irrsinn?), der bekannte linke Journalist Jean-François Kahn sprach davon, dass eben „das Dienstmädchen hergenommen“ worden sei.

          Im Gegensatz zur Vergewaltigung ist Prostitution in Deutschland und Ungarn nicht illegal. Dass der Ausflug nach Budapest ging, könnte allerdings gute Gründe haben: Ungarn gilt als Beschaffungsmarkt, Transitzone und zugleich umsatzstarker Gewerbestandort für Frauen aus Osteuropa. Die Preise sind hier besonders niedrig, die Arbeitsbedingungen noch schlechter als ohnehin. Wer über Prostitution redet, muss auch über Menschenhandel und Sklaverei sprechen.

          In beiden Fällen aber hätte ein Mittel, das bereits lange in der Diskussion ist, verhindern können, dass sich diese Milieus eine Moral zurechtlegen, die nur Machthierarchien abbildet: die Frauenquote. Von weiblichen Führungskräften ist nicht bekannt, dass sie Zimmermädchen vergewaltigen, Bordelle frequentieren oder solche Besuche für ihre Mitarbeiter organisieren. Frauen stören diese Praktiken. Der heftige Widerstand gegen die Frauenquote gründet allerdings auch in rein männlichen Milieus, die sich nicht stören lassen wollen.

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