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Machtfragen : Männerdämmerung

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Deutschlands First Ladies Bild: AP

Wer uns denkt: Frauen übernehmen die Bewußtseinsindustrie. Sabine Christiansens Erfolg ist Symbol für eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung. Nicht viele Männer haben bislang begriffen, was da vor sich geht.

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          In den Kampffliegern der amerikanischen Luftwaffe spricht eine Computerstimme. Sie warnt, sie befiehlt, sie analysiert, sie transkribiert. Die Stimme ist weiblich. Die Frequenz genau berechnet. Menschen im Streß, das haben psychiatrische Untersuchungen erwiesen, reagieren von einem gewissen Grad an am verläßlichsten auf die Stimme von Frauen. Womöglich ist es die Stimme der Mutter, die zu ihnen spricht, oder der Geliebten oder die der Ehefrau. Die Vorsitzende der schwedischen Linkspartei, Gudrun Schyman, veröffentlichte ihre Memoiren vor einigen Jahren unter dem Titel "Gudrun Schyman, Mensch, Frau, Mama, Geliebte, Parteichefin". Die Leute, so soll sie gesagt haben, wissen, daß ich das alles bin und daß ich weiß, wo es langgeht. Es scheint, wir sind an einem Punkt der gesellschaftlichen Evolution angekommen, wo die Gesellschaft sich dieser Stimme bedient, um sich zu orientieren. Oder besser: die Orientierung nicht zu verlieren.

          Sonntagabend sagte Friedrich Merz in der Sendung "Sabine Christiansen", der zweihundertfünfzigsten Folge der Reihe: "Wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Sie haben damit ja großen Erfolg in Deutschland. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag. Das betrübt mich, aber ist ein großer Erfolg."

          Streichen wir, was an diesem Satz pure Liebedienerei eines Politikers ist, der im Kampf gegen eine dominante Vorsitzende jeden Verbündeten nimmt. Es bleibt: bedingungslose Unterwerfung eines Mannes unter eine Frau. Als Morgengabe liefert der Gratulant nicht nur die eigene Person, sondern gleich eine ganze Institution, das Verfassungsorgan des Bundestages, dem Salon der Frau Christiansen.

          Die mächtigste Frau

          Die Hausherrin hatte am selben Jubeltag in einem Interview des Berliner "Tagesspiegels" ihre Machtlosigkeit, Bescheidenheit und Gemeinnützigkeit annonciert. Daß "Sabine Christiansen" eine Marke geworden ist, findet sie fast unangenehm. Die zwei Körper der Königin sprechen zwei ganz verschiedene Idiome: die bescheidene private Christiansen und die öffentliche, auf deren Homepage zum Beispiel folgende Beschreibung hervorgehoben wird: "Die mächtigste Frau im deutschen Fernsehen".

          Vermutlich ist sie es. Vermutlich hat Friedrich Merz ganz recht, vorauseilend zu kapitulieren, wie weiland die Fürsten vor Katharina der Großen kapitulierten. Die Frau, deren ersten Auftritt in den "Tagesthemen" man laut "Tagesspiegel" einst die "Sendung mit der Maus" nannte, ist ein Symbol für eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung. Nicht viele Männer haben bislang begriffen, was da vor sich geht, wenngleich sich die Notrufe entgeisterter Manager, fassungsloser Patriarchen und ängstlicher Staatsmänner häufen.

          Frauen als Gastgeber

          Das politische Leben der Bundesrepublik Deutschland wird zwar noch immer vorwiegend von Männern kommentiert, aber von Frauen kommuniziert. In dem Maße, in dem politische Meinungsbildung diskursiv geworden ist, haben die Fernsehsender Frauen zu "Gastgebern" des politischen Prozesses gemacht. Sabine Christiansen, Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Anne Will und Marietta Slomka sind ohne Zweifel die einflußreichsten politischen Vermittlungsinstanzen des Fernsehens. Man muß nicht Feminist sein, um in dieser noch vor Jahren unglaubwürdig erscheinenden Erfolgsgeschichte eine bewußte Entscheidung der Gesellschaft zu sehen. Sie ist offensichtlich im Begriff, die Macht neu zu verteilen, weil sich nicht nur die Diskurse, sondern auch die Anforderungen an die Vermittler verändern. Diese Operation ist sehr viel umfassender als bislang bekannt. Die entscheidenden Produktionsmittel zur Massen- und Bewußtseinsbildung in Deutschland liegen mittlerweile in der Hand von Frauen. In komplizierten, zuweilen von höfischen Intrigen begleiteten Strategien haben Frauen mehr oder minder deutlich die Zuständigkeit für gewaltige Komplexe der Bewußtseinsindustrie übernommen.

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