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Machtfragen : Männerdämmerung

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Der größte Fernsehbetreiber Europas, der größte Magazinverlag, der größte Buchverlag der Welt, einer der fünf größten Musikkonzerne der Welt, kurzum: der Bertelsmann-Konzern untersteht längst dem Willen einer Frau, Liz Mohns, die die vergangenen Monate seid Thomas Middelhoffs Entlassung dazu nutzte, ihre Macht im Konzern auszubauen. Der größte Zeitungsverlag Europas gehört Friede Springer, die mit äußerster Konsequenz und Entschiedenheit über Jahre hinweg ihre Macht konsolidiert hat. In einer der Zentralen der bundesdeutschen Bewußtseinsindustrie, dem Frankfurter Suhrkamp-Verlag, scheint des Verlegers Witwe, Ulla Berkéwicz, die Macht zu übernehmen und damit zuständig zu werden für das Erbe dessen, was jeden Intellektuellen in diesem Lande definiert: Adorno und Brecht, Habermas und Enzensberger, Bloch und Benjamin.

Kein Buch, das in Deutschland wirklichen Erfolg haben wird, kommt künftig an den Empfehlungen einer Frau vorbei: Elke Heidenreich, die mit ihren ersten Sendungen das Männerquartett um Marcel Reich-Ranicki weit überbot. Insgesamt sind damit fast achtzig Prozent der Bewußtseinsindustrie in weiblicher Hand. Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardeß definieren das Land. Was einer heute denkt, läuft vorher über die Fließbänder dieser Frauen. Und es war mehr als eine Pointe, als Sandra Maischberger Liz Mohn mit dem Satz "Guten Tag, Chefin!" begrüßte.

Ein Kreis mächtiger Frauen um Friede Springer und Ann-Katrin Bauknecht hat sich unterdessen zusammengetan, um privat Angela Merkel zu stützen, die sich ihrerseits bis weit in manche Landesverbände in der Personalpolitik der CDU durchzusetzen beginnt.

Sensationelle Akkumulation von Macht

Eine solche Akkumulation weiblicher Macht ist noch nicht dagewesen in der Geschichte des Landes, das einst als "vaterlose Gesellschaft" begann. Sie ist auch ziemlich sensationell. Wir wissen aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende, wie Frauen als Hüterin eines Erbes zu ungewöhnlichem Einfluß über die Köpfe der Menschen gelangen können: Cosima Wagner gehört in diese Linie und Elisabeth Förster-Nietzsche. Doch jetzt scheinen wir damit zu tun zu haben, daß sich der Cosima-Effekt - die schwarzgekleidete, unnahbare, in ewige Händel verstrickte Witwe - umzukehren beginnt. Die Patriarchen verdämmern, und die Nachfrage nach ihnen sinkt. Frauen übernehmen die Vermittlung und sogar die Macht in einer zerfallenden Gesellschaft.

"Kleine zivilisierte Völker", so hat Arnold Gehlen einst vorhergesagt, "oder solche, denen alle Knochen zerschlagen sind, streben der Deckung zu, sie neigen zu Versicherungen, Krankenscheinen, zu sexuellen Libertinismen und moralischen Vorträgen an die Außenwelt. Aber gerade diese Atmosphäre kommt den innersten Bedürfnisses des Weibes entgegen". Gemeint war: je zivilisierter eine Gesellschaft, je komplexer und subtiler die Notwendigkeit, unlösbare Konflikte ohne Aggression zu lösen, desto stärker setze eine solche Gesellschaft auf die Frauen als Vermittler; ja sie delegiert ihnen sogar die wirtschaftliche Macht. Es mag sein, daß wir uns heute einem solchen Zustand nähern. Dann aber, so Gehlen, verändert sich die Sozietät ein weiteres Mal: "Dann betreten Klytemnästra und Judith die Szene, Antigone und Gallia Placidia, Katharina und Charlotte Corday und zeigen den Männern, wie man sich aussetzt und einsetzt." Da braucht man dann auch die Komplimente des Herrn Merz nicht mehr.

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„Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

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