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Lyrik : Augenschere und Knochenraspel: Enzensberger goes Hip-Hop

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Gedichte stehen in dem üblen, aber leider nicht unbegründeten Ruf, uns mit moralischem Tiefsinn langweilen zu wollen. Die neuen Gedichte von Hans Magnus Enzensberger sind geeignet, dieses Vorurteil zu widerlegen. Sie sind eingängige Genußmittel.

          2 Min.

          Oft wird vergessen, daß Literatur eigentlich Genuß bedeutet. Besonders die Literaturform des Gedichts steht in dem üblen, aber leider nicht unbegründeten Ruf, oft mit langweiligem Tiefsinn vollgestopft zu sein, den man besser gar nicht erst ignoriert. Die neuen Gedichte von Hans Magnus Enzensberger sind geeignet, dieses Vorurteil zu widerlegen. Sie sind pure Genussmittel.

          Wir haben seinen Gedichtband "Die Geschichte der Wolken" dem praktischen Test unterzogen und uns einige Stücke daraus als Digestif nach dem abendlichen Mahl mit Freunden gegenseitig vorgelesen, zwischen Dessert und Kaffee. Enzensbergers Band hat sich glänzend bewährt.

          Das nicht ganz so appetitliche, aber umso komischere Gedicht "Die Instrumente" sollte man sich bei solchen Gelegenheiten als Höhepunkt aufbewahren. Es geht so:

          Augenschere, Marknagel, Blasensprenger -
          man hört es nicht gerne.
          Selbst die Chirurgen hüten sich,
          uns den Hohlmeißel vorzuführen,
          das wäre zu hart, den Uteruslöffel,
          das wäre nicht höflich, die Hirnspatel
          und den Leberhaken. Erst, wenn es weh tut,
          in der Notaufnahme, vertrauen wir uns
          mit geschlossenen Augen der Penisklemme,
          dem Blutschöpfer an. Ja, dann!
          Gebenedeit, heißt es, jetzt auf einmal,
          seid ihr, Vulvaspreizer und Knochenraspel,
          unsre einzige Hoffnung,
          kurz vor der letzten Ölung.












          Viele Gedichte in diesem Band sind an der Schnittstelle zwischen menschlicher Sensibilität und technisch-wissenschaftlicher Realität angesiedelt. Enzensberger liebt es, die Nachteile der technischen Zivilisation und das Elend im allgemeinen zu inszenieren: "Hunger Mord Todschlag etcetera - / Einverstanden! Ein Irrenhaus!" Doch nichts liegt ihm ferner, als absolute Ansprüche der Moral gegen die relativen Vorzüge der Zivilisation auszuspielen. Enzensbergers Ethik ist dazu viel zu pragmatisch. Denn ohnehin gilt:

          "Die Klasse derjenigen Probleme,
          die unlösbar sind,
          ist größer als du denkst.
          Vermutlich wächst sie mit jedem Tag.
          Am besten, du denkst nicht daran,
          es sei denn, du wärst Kosmologe,
          Patient, Philosoph oder Eheberater."





          Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929, gehört zur Generation der letzten lebenden Großintellektuellen Deutschlands. Trotzdem geht es in seinem Gedichten nicht nur um Ehezwist, Krankheit und Tod, auch wenn Enzensbergers Lebenssicht und der Duktus seiner Gedichte von einem lakonischen Pessimismus gefärbt ist. Enzensbergers Alters- und Lebensklugheit ist so abgeklärt, daß sie sich schon wieder mit dem (allerdings oft moralisierenden) Realismus der Hip-Hop-Generation berührt. In dem Gedicht "Dem Spielverderber" ist das auch formal auf vollendete Weise geglückt. Man muß es als Rap-Gesang lesen, mit der Betonung auf der letzten Silbe des Verses:

          Sinnlos sei diese Euphorie,
          einfach so, ohne Grund,
          Ach, das verstehst du nie,
          dafür gibt es, mein Freund,
          keine Theorie.
          Glücklich, hast du gesagt,
          sei auch das Vieh,
          das bißchen Glück sei nur
          Mangel an Phantasie.
          Armes Schwein, das du bist,
          mon ami!
          Doch das begreifst du nie.










          Doch natürlich ist auch Enzensberger letztlich zu sehr Philosoph, um sich nicht vor allem für die Klasse der unlösbaren Probleme zu interessieren. Das Gedicht "Immer kleiner werdende Unterhaltungen" konstatiert das Verschwinden der alten Themen: Gott, Sinn, Gerechtigkeit. Alles drehe sich nur noch um "Genome nach Maß, / Unsterblichkeit auf der Festplatte", und so sei man manmal schon wieder froh, "daß manche der Ewiggestrigen / unter den Jüngeren / noch ein paar Fragen haben."

          Enzensbergers Gedichte atmen einen gesunden Sarkasmus, aber sie bewahren gleichzeitig eine lyrische Sensibilität. "Vor dem Techno und danach" heißt ein Gedicht, dessen Titel als Gebrauchsanweisung für den Band brauchbar wäre. Es handelt von der Idee, dem "tauben Ohr unserer Kinder" jenes Weiche, Unbekannte zu spüren zu geben, das in allen Versen Eichendorfs schläft.

          Eine Idee von diesem Weichen, Unbekannten gibt uns auch die vibrierende "Kreis-Struktur-Interferenz" des Op-Art-Künstlers Ludwig Wilding, die den Einband des Gedichtbands ziert. Sie macht das Buch auch dann noch zum Genuß, wenn es - nach dem Techno ist vor dem Techno - auf dem Kaffeetischchen zwischengelandet ist. Im Buchregal wird es nicht so schnell verschwinden.

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