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Utopisches Denkmal? : Luther in Chrom

  • -Aktualisiert am

Die evangelische Kirche will in Berlin ein Luther-Denkmal errichten. Doch die Ansprüche, die sie daran stellt, sind nicht einmal für den Reformator zu erfüllen.

          Es ist ein Kreuz mit den Berliner Denkmälern, einem evangelischen diesmal. Denn nach den jahrelangen Disputen um das Einheitsdenkmal auf dem Schlossplatz, nach den peinlichen Wettbewerben, den Querelen um den Siegerentwurf und der kalten Entsorgung im April dieses Jahres steht jetzt ein weiteres Gedenkprojekt auf der Kippe. Seit Jahren möchte die evangelische Landeskirche die von Paul Otto und Robert Toberentz geschaffene Lutherstatue aus ihrem Winkel an der Nordseite der Marienkirche herausholen und wieder vor den Eingang des zweitältesten Berliner Gotteshauses stellen.

          Endlos wurde über den Plan diskutiert, schließlich ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich gut fünfzig Künstler und Architekturbüros beteiligten. Im Frühjahr tagte das Preisgericht, im Juni lag die Entscheidung auf dem Tisch. Die Zeit drängt, denn 2017 ist Lutherjahr; landauf, landab finden Ausstellungen, Podien, Bürgerfeste zu Ehren des Reformators statt. Aber die Landeskirche will von dem Vorhaben, das sie selbst angestoßen hat, plötzlich nichts mehr wissen.

          Spiegelung ist unlutherisch

          Der Siegerentwurf, den der Berliner Künstler Albert Weis zusammen mit dem Architekturbüro Zeller & Moye erarbeitet hat, sieht vor, auf dem Grundriss des wilhelminischen Großmonuments von 1895, von dem nur die Lutherfigur auf ihrem Sockel geblieben ist, einen kleinen tiefergelegten Platz zu schaffen, auf dem Luther seinem eigenen Doppelgänger in Form einer chromglänzenden Kopie begegnet. Dazu sollen LED-Leuchtstreifen im Boden abwechselnd Zitate von Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King aufstrahlen lassen.

          Es ist genau das Zwischending zwischen Bewahrung und Aktualisierung, Überhöhung und Absturz, Tradition und Reflexion, das sich, so sollte man meinen, die Kirchenoberen gewünscht haben. Doch die zuständige Pfarrerin findet die Idee der Spiegelung unlutherisch, wie der „Tagesspiegel“ mitteilt, und für den Kunstbeauftragten der Landeskirche ist sie „der Abgrund schlechthin“. Da fallen einem rasch ein paar andere, schlimmere Abgründe ein; ja, es genügt schon, sich den Ausschreibungstext genauer anzusehen, um ein abgründiges Frösteln zu spüren.

          Denn das Denkmal, das da gefordert wird, soll zur Stadtgeschichte, zur Judenverfolgung, zu Moses Mendelssohn, zu Marx und Engels und zur Rolle der Frauen „Bezüge“ herstellen, von der Dritten Welt ganz zu schweigen. Schon das Einheitsdenkmal ist an den absurden Ansprüchen seiner Auslober gescheitert, und das Lutherdenkmal wird ihm folgen, wenn die Kirche es weiter öffentlich zerredet.

          Im Grunde ist die Situation paradox: Alle wollen Denkmäler, aber keiner will sie bauen, aus Angst, irgendwo anzuecken, irgendeinen Konsens zu verletzen. Also nimmt man, was man hat: den alten Kaiser, den Alten Fritz, den Luther von 1895. Es ist ein Wilhelminismus aus Schwäche, eine Gedankenlähmung aus Übereifer und Feigheit zugleich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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