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„Lügen und andere Wahrheiten“ im Kino : Lustig ist was anderes

Spielfilm, Spielfilm an der Wand, ist Meret Becker elegant? Bild: Wild Bunch

„Lügen und andere Wahrheiten“ über Beziehungsnöte in einer deutschen Mittelstadt ist ein derzeit typischer deutscher Film. Das heißt nicht unbedingt Gutes.

          Der deutsche Film ist in diesem Frühherbst eine Chronik der Enttäuschungen. Etwa Ute Wielands in Nebenrollen prominent (Hannelore Elsner, Nicolette Krebitz) besetzter, handwerklich sauber inszenierter Jugendfilm „Besser als nix“, der am entscheidenden Punkt vollkommen versagt: bei der Ausbalancierung von Humor und Tragik, die diese Geschichte verlangt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es geht um Tom, einen verträumten Gothic-Fan auf dem flachen Land - der Film wurde in der Altmark gedreht -, der die Schule hinter sich lässt, zum Arbeitsamt schlurft und eine Azubi-Stelle in einem Begräbnisinstitut vermittelt bekommt, die sich als Glücksfall für ihn entpuppt. Eine gute Stunde zeichnet der Film mal mehr, mal weniger geschickt das Porträt eines Außenseiters in der ostdeutschen Provinz, dann ändert sich die Tonlage plötzlich, als Toms bester Freund mit seinem Auto in den Tod rast.

          Die Inszenierung eiert

          Aber statt diese Wendung zu nutzen, um der brav dahinrollenden Story neue Energie zuzuführen, verbiegt Ute Wieland das Begräbnis zur Slapstick-Einlage. Der Film lärmt und spektakelt, damit er nicht flüstern muss. „Besser als nix“ ist auf eine Weise komisch, die nicht mehr lustig ist.

          Oder Sylke Enders’ „Schönefeld Boulevard“, der in dieser Woche startet: wieder eine Außenseitergeschichte, diesmal am Berliner Stadtrand, und wieder eiert die Inszenierung zwischen Flottheiten und Melancholie. Die übergewichtige Cindy (Julia Jendroßek), in der Schule gemobbt, zu Hause ignoriert, sucht auf den Vorortstraßen nach tröstlichen Abenteuern. Einmal lernt sie einen finnischen Ingenieur kennen - wenn das eine Hommage an Aki Kaurismäki sein sollte, ist sie danebengegangen -, ein andermal einen koreanischen Informatiker, aber am Ende hält sie sich doch an ihren Jugendfreund Danny.

          Sylke Enders ist 2003 durch ihren Debütfilm „Kroko“ bekannt geworden, seither beackert sie mit gewissem Erfolg („Mondkalb“, 2007) die Lebenswelt randständiger Jugendlicher, aber in „Schönefeld Boulevard“ scheint sich ihr Blick auf den Figuren auszuruhen, statt sie in Bewegung zu versetzen. Nur das leere Terminal des geplanten City-Airports BER hat Enders wirklich gut in ihre Geschichte eingebaut. Auch der Flughafen hat Übergewicht, und auch er kommt, wie „Schönefeld Boulevard“, nicht richtig in Gang.

          Das deutsche Kino in der Blüte?

          Vanessa Jopps „Lügen und andere Wahrheiten“ spielt in Bremen, einer Stadt, die man selten im deutschen Kino zu sehen bekommt - zu Recht, wie man nach diesem Film sagen muss, denn wenn etwas darin völlig beliebig wirkt, dann ist es die Kulisse. Aber vielleicht soll Bremen ja auch aussehen wie irgendeine deutsche Mittelstadt, damit das Modellhafte der Geschichte noch deutlicher hervortritt, in der Vanessa Jopp die Schicksale von fünf Personen miteinander verknüpft: eine Zahnärztin (Meret Becker), die einen Immobilienmakler (Thomas Heinze) heiraten will; eine junge Russin (Alina Levshin), die von ihrem Bruder heimgesucht wird; und ein Yogalehrer (Florian David Fitz), der mit einer Malerin (Jeanette Hain) eine sehr einseitige Affäre hat. Fast alles geht schief für fast jeden in diesem Film, aber das macht nichts, denn die Regie hält sich nie lange mit einer Figur auf, sondern hüpft immer wieder rasch zur nächsten, um das Quintett erzählerisch zusammenzuhalten.

          Hier treffen sich Gegensätze: Meret Becker als Coco und Jeanette Hain als Patti

          Die Stärke des Films ist also zugleich seine Schwäche, denn weil er so vieles zu sagen hat, kann er das eine und Allerwichtigste, das Liebesunglück der Zahnärztin und ihres schlafwandelnden Maklers, nicht deutlich herausbringen, so dass man am Schluss gar nicht richtig begreift, was da gerade passiert ist: Ein Herz ist gebrochen, und der Film hat es nicht gemerkt. So wie man auch von der vielbeschworenen Blüte des deutschen Kinos im Schatten der Angst- und Lachmaschinen aus Hollywood in diesem Jahr kaum etwas merkt. Wie eigentlich seit vielen Jahren schon.

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