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Ludwig Binswanger : Wahl-Wahn

Wie Ernst Jünger Käfer sammelte, so sammelte der Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger Weltentwürfe. Am Sonntag ist Wahltag: ein Anlass, Binswanger wiederzulesen.

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          In welcher Welt lebt diese Frau eigentlich? Und in welcher Welt lebt er, dieser Mann? Dass wir heute so fragen können, dass wir also den Welt-Begriff im Sinne eines persönlichen Horizonts und nicht bloß im Sinne der großen weiten Außenwelt verwenden, das verdanken wir Ludwig Binswanger, dem 1966 verstorbenen Schweizer Psychiater, Ahnherr der psychotherapeutischen Schule der Daseinsanalyse.

          Wie Ernst Jünger Käfer sammelte, so sammelte Binswanger Weltentwürfe. Er will plausibel machen, dass jedes Verhalten, welches der Umwelt sonderbar vorkommt, doch einen inneren Sinn hat, eine verborgene Logik, nach der es abläuft. Ganz und gar phänomenologisch orientiert, möchte Binswanger wissen, welche Beeinträchtigungen des Erlebens und Sichverhaltenkönnens einen Menschen daran hindern können, gegenüber der Welt ein freies und offenes Verhältnis zu haben, also die Dinge einigermaßen unverzerrt so zu sehen, wie sie doch allem Anschein nach sind.

          Das Beispiel der Wahl

          Warum reagiert eine Person panisch, obwohl das von der Sache her gar nicht zu erwarten gewesen wäre? Warum vergreift sie sich in den Proportionen, das heißt: sagt im Prinzip Richtiges, findet aber nicht die konkrete Stelle, zu der es passt? Warum verrennt sie sich bei dem Versuch, vom Besonderen zum Allgemeinen überzugehen, beziehungsweise umgekehrt: vom Allgemeinen zum Besonderen? Wo genau ist der Punkt, an dem die Realität verleugnet wird, ein Thema sich zum Wahn verselbständigt? Wahlweise Fragen, denen Ludwig Binswanger sein Lebenswerk widmete.

          Eines seiner Lieblingsbeispiele ist just das der Wahl. Steht im Leben eines Menschen eine Wahl an, muss also von zwei Möglichkeiten einer der Vorzug gegeben werden, dann kommt es für Binswanger zu einem therapeutischen Faszinosum. Gebannt bemerkt er, wie sich ein ganzer Weltentwurf auf die Situation der Wahl verengt, auf ihre unlösbare Kernfrage: Wie lässt sich verhindern, dass bei der Wahl das Falsche herauskommt? Und so kommt es, wie es laut Binswanger kommen muss: Unter dem Druck der Wahl schrumpft der Horizont.

          Wählenmüssen erscheint als Wahlkampf um die eigene Existenz. Wahlanalyse wird zur Daseinsanalyse. Entsprechend engstirnig, so Binswanger, treten die in diesen Wahlkampf Verwickelten auf, legen sich ihre Welt - gern auch wider besseres Wissen - entlang von Stereotypen zurecht. Sonntag ist Wahltag, schon gehört? Deshalb spätestens heute noch Binswanger lesen! Jetzt neu bei Asanger in schmucker Werkausgabe.

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