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Luc Bessons „Lucy“ : Miss Arbeitsspeicher sprüht vor Wissen

Das ist keine Harfe, das sind Handy-Signale: Lucy (Scarlett Johansson) macht Sphärenmusik. Bild: dpa

Zwischen Hauen und Stechen werden Handysignale zu Harfensaiten, zerfallen Körperteile zu Glitter: Mit „Lucy“ hat Luc Besson einen extrem widersprüchlichen und lebhaften Kinothriller geschaffen.

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          Luc Besson ist Filmregisseur, Drehbuchautor und ein Mensch. Aus irgendeinem Grund hat er sich vorgenommen, einen Film über etwas zu drehen, das intelligenter ist als ein Mensch. Zum Glück gibt es Scarlett Johansson. Die ist zwar auch bloß ein Mensch, sieht aber so nett aus, dass man ihr aus Sympathie gern glauben mag, wenn sie so tut, als wüsste sie mehr als der Regisseur und Drehbuchautor, der sie für sein Werk „Lucy“ angewiesen hat, beim Erleiden medizinischer Unfälle, bei flagranten Verstößen gegen Schwerkraftgesetze, beim kalten Massenmord an Mafiosi und bei verkehrswidrigem Automobilmissbrauch seinem seltsamen Skript und seinen noch seltsameren Spielanweisungen zu gehorchen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei lernt sie als Lucy, weil ein zur Droge umgerüstetes Embryonalwachstumsgemisch aus dem obersten Regal der menschlichen Biochemie ihr die stufenlose Eroberung von immer mehr normalerweise ungenutzten Hirnkapazitäten gestattet, unter anderem fremde Sprachen per flüchtigen Blick auf exotische Schriftzeichen, das Geheimnis des Stoffwechsels von Bäumen sowie grausige Foltertechniken, mit denen man asiatische Gangster, die Mozart lieben, dazu zwingen kann, ihre garstigsten Geschäftsgeheimnisse preiszugeben.

          Während Lucy unter Hauen, Schießen, Rennen und Treten kregel vor sich hin mutiert, trifft sie außerdem einen süßen französischen Prügelpolizisten namens Pierre Del Rio, dem Amr Waked sein breites, aber extrem kusswürdiges Gesicht leiht, sowie den von Morgan Freeman mit einer Mischung aus Güte und Schläfrigkeit porträtierten Professor Norman. Letzterer ist angeblich der bedeutendste Hirnforscher der Welt, versteht von Evolutionsbiologie aber leider nicht mehr als Luc Besson vom Eierlegen und bringt in einem endlosen, mit Actionszenen und Bildmaterial aus der „Sendung mit der Maus“ unterlegten Vortrag andauernd Darwin und Lamarck durcheinander. Zur Belohnung dafür empfängt er am Schluss des Films einen Memorystick, auf dessen Oberfläche Sterne blinken und der das gesamte Wissen der fix und fertig erleuchteten Heldin enthält.

          Eine wahre Kampfmaschine: Lucy trägt gleich zwei Waffen. Bilderstrecke

          Absurd, aber nicht doof

          „Lucy“ ist ein deftig überwürzter Quasidokudrama-Thriller-Fantasy-Obstsalat an gesüßter Barbecue-Soße und synthetisch verdicktem Eigenblut. Der Einfall mit den dokumentarischen, schematisch explikatorischen Schnipseln, den Kunstpriester wie Jean-Luc Godard und Lars von Trier in so unterschiedlichen Filmen wie der Religionsstudie „Je vous salue, Marie“ (1985) und der Sexualgroteske „Nymphomaniac“ (2013) dazu eingesetzt haben, Tiefendimensionen des Menschlichen zu durchleuchten - was wissen wir, woran glauben wir, mit wem vögeln wir? -, dient in „Lucy“ einzig und allein der Überrumpelung des Publikums, das vor lauter wahren, schönen und guten Bildern aus Tierwelt, Astronomie und Zauberwürfelpraxis nie dazu kommen soll, sich zu fragen, ob die Spielhandlung mitsamt ihren zauberhaften Spezialeffekten (sichtbare Handy-Telefonate! Zu Glitter zerfallende Körperteile!) eigentlich irgendeinen Sinn hat.

          Hat sie nicht. Macht aber nichts. Denn Frau Johansson rechtfertigt alleine schon den Eintrittspreis. Ihre Erfahrungen mit der stimmlichen, mimischen, gestischen Verkörperung des Nichtmenschlichen in Filmen wie „Under The Skin“ (2013) von Jonathan Glazer und „Her“ (auch 2013) von Spike Jonze erweitert sie hier um eine faszinierend widersprüchliche Darstellung der wechselseitigen Durchkreuzung von Gefühl und Gedanke, bei der die Inhalte des jeweiligen Gefühls oder Gedankens nach einer Weile völlig in den Hintergrund verschwinden, welcher aus nichts als der sachten Andeutung kosmischer Geheimnisse besteht, in die diese Lucy gegen ihren Willen Einblick erhält und mit denen sie irgendwie fertig werden muss.

          Als sie am Ende ihre letzte Transformation hin zum Ungeheuerlichen erleidet und dabei einiges abstreift, worauf Menschen ungern verzichten, wirft Freeman als Professor Unsinn einen Blick auf sie, in dem aufscheint, was der Mutierten bei aller Verwirklichung transhumaner Potentiale mehrmals, vor allem in den Metzelszenen, auffallend gefehlt hat: Mitgefühl. Denn absurd ist er zwar, dieser Film von und mit Menschen über Übermenschliches. Aber doof ist er nicht.

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