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Louis Begley über Kafka : Was ist Kafkas Wahrheit?

  • -Aktualisiert am

Franz Kafka wusste: „Nur so kann geschrieben werden.“ Bild: Rowohlt Verlag

Phantasievoll sind die Kafka-Studien unserer Gegenwart jedenfalls. Hier treibt die biographische Spekulation ihre schönsten Blüten. Kafkas Werk bleibt auf der Strecke.

          Ein Verleger schickte mir eine neue biographische Studie über Kafka; ihr Verfasser ist ein Mann, den ich nicht beim Namen nennen möchte, weil ich seine anderen Arbeiten bewundere. Gerade wegen dieser Bewunderung war ich neugierig und fing sofort mit der Lektüre an. Leider musste ich feststellen, dass ich mit wachsendem Verdruss las. Der Grund dafür war leicht zu erkennen. Zum einen faszinierten den Autor die homoerotischen Phantasievorstellungen und Bedürfnisse Kafkas, die er und andere, von ihm zitierte Kafka-Spezialisten angeblich erschließen oder erkennen können.

          Zusätzlicher Grund für mein Missvergnügen war die selektive und undifferenzierte Anwendung von Begriffen aus Freuds Theorie, die benutzt wurden, um zum Beispiel die Szene in der „Verwandlung“, als die Mutter in Gregors Zimmer kommt und nach einem langen Blick auf das riesige Insekt, das aus ihrem Sohn geworden ist, in Ohnmacht fällt, als ödipalen Konflikt zu deuten. In der Interpretation des Autors erleidet die Mutter einen Schwächeanfall, weil sie die animalische, das heißt die sexuelle Natur ihres Sohnes erkennt. Und diese Manifestation der sexuellen Erweckung des Sohnes - seine Verwandlung in ein Insekt - führe dazu, dass der Vater ihn zum Tod verurteilt. In derartigen Konstrukten ist der Tod übrigens ein anderes Wort für Kastration.

          Die falschen Fragen

          Nach dem gleichen Konstrukt wird Georg Bendemann, der Sohn im „Urteil“, von seinem Vater zum Tode durch Ertränken verurteilt, weil er sich mit Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt hat, der jungen Dame aus guter Familie. Und es geht noch weiter: Diese Kafka-Spezialisten behaupten, Bendemann trage den Namen Georg, weil der erste der beiden jüngeren Brüder Kafkas, die kurz nach der Geburt starben, so hieß. Weiter besagt ihre Theorie, der Kummer von Kafkas Mutter müsse in Franz, dem überlebenden Kind, Angst-, Schuld- und Neidgefühle genährt haben, und diese Gefühle hätten dann bewirkt, dass Georg Bendemann (Kafkas Alter Ego, wie sie meinen) die vom Vater verhängte bizarre Strafe hingenommen habe.

          Eines möchte ich klar sagen: Ich bezweifle, dass Kafka stärker ausgeprägte homoerotische Bedürfnisse hatte als andere Männer seines Alters und seines Kreises, und ich glaube durchaus nicht, dass er ihnen je nachgegeben hat. Deshalb ist die Frage seiner sexuellen Orientierung für mich nicht interessanter als die dazupassende andere, die nach der möglichen Impotenz Kafkas, die manche Biographen und Literaturwissenschaftler ebenfalls umtreibt, und ich habe nicht die mindeste Absicht, mich in eine Debatte über diese Fragen einzulassen.

          Was den Nutzen von Freuds Theorien für die Interpretation von Kafkas Dichtung angeht, so möchte ich Sie bitten, Archimedes’ Diktum im Sinn zu behalten: Gebt mir einen fixen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln. Das gilt auch für die Adepten der Psychoanalyse: Gebt ihnen einen Text, und sie werden die Techniken der Analyse und den entsprechenden Begriffsapparat einsetzen, um ihn zu entschlüsseln.

          Ein Aperçu, das Aperçu bleiben sollte

          Folgt man ihrer Logik, hat es nichts zu sagen, dass Kafka nur wenig von Freuds Theorien wusste und das wenige im Lauf der Jahre eher aus Gesprächen mit Freunden aufnahm als aus dem Studium der Texte und dass die spärlichen Kommentare zur Freudschen Theorie und Praxis in seinen Briefen ablehnend sind.

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