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Lou Reed zum 70. : Kultfigur ohne Angst vorm Wandel

Weil’s ihm Spaß macht: Lou Reed im Jahr 2008 bei seinem Auftritt in der Philharmonie im Gasteig in München Bild: dapd

Er kam von „The Velvet Underground“ und Andy Warhol, dann wurde er zum Meister der Gesamtkunstwerke: Lou Reed feiert seinen 70. Geburtstag.

          Vor kurzem erst habe ich ihn der Oper gesehen. Ja, Lou Reed in der Oper, aber nicht auf einer radikal entsicherten Opernbühne. Entweder erschreckend dünn oder bewundernswert fit, das Gesicht verknittert, wie es sich für einen Altrocker gehört, die Kleidung pure Resistenz in Schwarz - so stakste er allein durchs Foyer der New Yorker Metropolitan Opera. Gegeben wurde „Satyagraha“, die Gandhi-Oper von Philip Glass, und das erklärt dann doch einiges. Denn beide, Glass und Reed, sind tief verwurzelt im New York der sechziger und siebziger Jahre, als künstlerische Sparten sich auflösten und ineinanderflossen, als ästhetische Höhenunterschiede sich einebneten, als auf einmal alles möglich schien und die Stadt nirgends aufregender war als in ihren Schmuddelecken, in ihren Kellern und verlassenen Lagerhäusern, wo sich bekiffte Außenseiter und zielstrebige Revoluzzer neue Welten aus Tönen, Bildern und Bewegungen zusammensuchten.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Über den Rockmusiker Reed, der mit der kommerziellen Katastrophe namens „The Velvet Underground“ auf Jahrzehnte hin den Sound, den Gestus, die Vor-, Ein- und Entstellungen experimenteller Bands prägte, ergießen sich Ströme von Ausdeutungen und Anmerkungen, von Liebeserklärungen und Hasstiraden.

          Jeder kann den Lou Reed finden, den er mag oder nicht mag, zwischen Art Rock und Glam Rock, zwischen psychedelischen, elektronischen und punkigen Musikpassformen, zwischen den herzwunden Junkies eines Albums wie „Berlin“ und den warholesken Paradiesvögeln eines für ihn raren Hits wie „Walk on the Wild Side“. Und bis jetzt weiß er immer noch, einen zünftigen Streit anzufachen. Heavy Metal mit einem Schuss Frank Wedekind gefällig? Bitte sehr, „Lulu“, vor vier Monaten herausgekommen, bietet den scharfen Cocktail, gemixt von Altmeister Lou Reed, der fürs Verbalerotische zuständig war, und den jüngeren, aber nicht mehr jungen Spunden von „Metallica“. Fans waren sich darüber so uneinig wie Kritiker.

          Ein Star ohne Gefallsucht

          Reed gab sich gelassen. „Ich habe keine Fans mehr“, zitierte ihn die Tageszeitung „USA Today“. Nach „Metal Machine Music“ hätten sie alle schon 1975 die Flucht ergriffen. „Wen stört’s? Ich bin im Geschäft, weil’s mir Spaß macht.“ Sein Geschäft aber beschränkt sich nicht nur auf die Musik. Die Provokation der Gitarrenfeedbacks, die durch das Doppelalbum „Metal Machine Music“ heulen, reizte noch vier Jahrzehnte danach die Avantgardisten des Ingenieurbüros Arap, aus der Klangorgie die Installation „The Creation of the Universe“ zu entwickeln. Der Misserfolg von dazumal erweist sich zurzeit im University Art Museum at Cal State Long Beach als zeitgeistgemäßes Fast-Gesamtkunstwerk.

          Für Reed aber ist das keineswegs eine Neuausrichtung oder gar Richtungsänderung. Als Student an der Syracuse University im Staat New York, wo er noch eine Karriere als Journalist oder Filmregisseur anpeilte, geriet er in den Bannkreis des Lyrikers Delmore Schwartz. Das Wort blieb ihm so wichtig, dass er sechs Jahre später den Song „European Son“ von seinem Debütalbum „The Velvet Underground & Nico“ Schwartz widmete. Hatte er, was nicht selten der Fall war, einen seiner arroganteren Tage, machte er seine literarische Finesse für den Mangel an populärem Zuspruch verantwortlich. Umso besser, er wollte nicht jedem gefallen. Der Konsens, egal, in welcher Ausdrucksform, war nie seine Sache. Es zog ihn zu den verrätselten Poeten, Performance-Künstlern, Theaterleuten mehr als zu den Hitmachern der Musikindustrie.

          Rockertum mit Kräutertee

          Auch Andy Warhols Factory war in den sechziger Jahren, als Lou Reed bei ihm ein und aus ging, noch ein zwielichtiger Treffpunkt der Unangepassten und bisweilen Unrettbaren. Er übernahm die Rolle des Chronisten, aber er schüttelte sie auch wieder ab. In derselben Stadt und zur selben Zeit unternahm Robert Wilson seine ersten Theaterexperimente, aber bis Reed und Wilson sich zusammentaten, mussten dreißig Jahre vergehen. Reed hatte inzwischen sex ’n drugs, aber nicht sein ureigenes Rockertum mit Kräutertee und den Meditationsübungen des Schattenboxens vertauscht. Brecht und Weill nahm er sich als Liederkomponisten zum Vorbild, um Wilsons hochverfeinerte Bühnenrituale musikalisch zu kontrapunktieren. Vom Thalia Theater in Hamburg aus gingen sie erst mit „Time Rocker“ nach H. G. Wells’ „Zeitmaschine““ auf Welttournee, dann mit „Poe-Try“ nach Gedichten von Edgar Allen Poe.

          Mit glaubhaftem politischem Engagement

          So hat Lou Reed den Fluch abgewehrt, mit Oldies durch die Welt ziehen zu müssen. Veränderungen nie abgeneigt, schwirrt er nun durch eine Multimedienszene, die der Performance so geneigt ist wie wechselnden Kombinationen unterschiedlicher Künstler und Musiker, ob sie nun Julian Schnabel, Antony Hegarty oder Wim Wenders heißen. Im Tai-chi geübt und davon inspiriert, hat er sich zu Meditationsmusik verführen lassen, und seit Jahren taucht er oft neben Laurie Anderson auf, seiner Lebenspartnerin, deren politisches Engagement er teilt.

          Nach der Vorstellung von „Satyagraha“ war es wieder einmal so weit, als er, ganz unkünstlerisch und spontan, beweisen konnte, dass er sich nicht als historische Kultfigur begreift. Vorm Lincoln Center, wo Mitglieder der Occupy-Bewegung lautstark für Gandhi und gegen die Reichen und Mächtigen demonstrierten, hielten er und Laurie Anderson nicht freundlich lächelnd Abstand, sie mischten sich unter sie. Der Jubel der jungen Leute war ohrenbetäubend. Alles nicht schlecht für einen Mann, der gerade siebzig geworden ist.

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