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Lost & Found : Die Rückkehr der Beatles: "Get Back"

  • -Aktualisiert am

Ein musikgeschichtlicher Coup: 500 verschollen geglaubte Aufnahmen der Beatles aus dem Jahr 1969 sind in der Nähe von Amsterdam sichergestellt worden.

          Während Liverpool in diesen Tagen nach einem Hausmeister für das John-Lennon-Museum an der Menlove Avenue sucht - bisher gingen zwanzig Bewerbungen ein -, kam aus Amsterdam eine Nachricht, neben der sich jeder Versuch, die "Beatles" am Leben zu halten, läppisch ausnimmt: Fünfhundert Aufnahmebänder von den sogenannten "Get Back"-Sessions sind in einem kleinen Ort nahe Amsterdam gefunden worden. Vier Personen wurden dort verhaftet, zwei weitere in London.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Bänder waren nach ihrer Entstehung im Sommer 1969 gestohlen worden und galten seither als vermißt. Ermittler des internationalen Dachverbands der Schallplattenindustrie waren ihnen schon länger auf der Spur; nun, in Zusammenarbeit mit der Londoner und Amsterdamer Polizei, die eine Razzia in einem Warenhaus durchführte, ist ein Coup gelungen, dessen musikgeschichtliche Bedeutung außerordentlich sein dürfte. Ein Londoner Polizeisprecher sagte, es handele sich um die einzigen Originalaufnahmen aus jener Zeit; manches Unveröffentlichte sei darunter. Nach Schätzung der Polizei enthalten die Bänder Material für siebzehn CDs.

          Ob und wann es zu einer solch umfangreichen Veröffentlichung kommen wird, hängt zum einen von der Plattenfirma EMI ab, zum anderen und vor allem von Paul McCartney, John Lennons Witwe Yoko Ono, Ringo Starr und den Erben George Harrisons. Wenn nicht Jeff Lynne die Sache in die Finger bekommt, dürfte die Abmisch-Qualität optimal sein und mit dem, was uns in den neunziger Jahren serviert wurde, nicht zu vergleichen. Eines läßt sich jetzt schon sagen: Es wird sehr wahrscheinlich ein Album namens "Get Back" geben, das Paul McCartney nach dem "Weißen Album" von 1968 so dringend wünschte.

          Nach den nervenaufreibenden Aufnahmen zu diesem Doppelalbum in den Abbey Road Studios hatte sich die Band nach Twickenham zurückgezogen. Hier entstanden Dutzende Versionen alter Rock-'n'-Roll-Lieder von Chuck Berry, Buddy Holly und Elvis Presley; aber es wurde auch neues Material eingespielt, darunter "Get Back", mit dem McCartney die Einstellung Enoch Powells zur Einwanderungspolitik aufs Korn nahm und das ursprünglich "No Pakistanis" hieß; ferner "Across The Universe" und "The Long And Winding Road". Die drei Lieder finden sich auf dem Nachlaßalbum "Let It Be" von 1970 - in verfremdeten Versionen allerdings. Der amerikanische Produzent Phil Spector, um dessentwillen die "Beatles" ihrem Meister George Martin untreu geworden waren, hatte vor allem "The Long And Winding Road" mit einem Klangbrei aus Streichern nahezu ruiniert.

          "Let It Be" gilt aufgrund dieser Überproduktion als Sündenfall der "Beatles", wohingegen die unbehandelten "Get Back"-Sessions, von denen manches, aber längst nicht alles auf Raubpressungen und im Internet kursierte, so etwas wie der Heilige Gral waren - Zeugnis einer wenn auch nur künstlich erzielten, wieder mehr unmittelbaren Spielfreude einer altersmüden und fast schon aufgeriebenen Band. Was sich sonst noch auf den Bändern findet, dürfte gleichfalls von erheblichem Interesse sein: neben originellen, teilweise improvisierten Fassungen auch ganz früher Lennon/McCartney-Lieder jene Scharmützel zwischen McCartney und Harrison, an denen handgreiflich spürbar wurde, daß es zu Ende gehen würde mit dieser Band - wir bekommen akustisch mit, wie Harrison einmal wütend aus dem Studio läuft, weil er sich von McCartney schikaniert fühlte.

          Im Fahrwasser der Urheberstreitigkeiten zwischen McCartney und Yoko Ono ist es wahrscheinlich, daß McCartney alles versuchen wird, seine Position auszubauen. Ist das "Get Back"-Material erst veröffentlicht, könnte er als Songschreiber dastehen, der John Lennon nicht nur ebenbürtig ist, sondern überlegen. Keine Neuschreibung der Bandgeschichte steht deswegen ins Haus, aber ein hochinteressantes, bisher weithin unbekanntes Kapitel ist es allemal.

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