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Neuer Film von Paula Hernández : Traumwandeln ist keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Staunen zwischen den Generationen: Szene aus „Los sonámbulos“ Bild: Trigon-Film

Nicht nur in der Corona-Zeit: Gute Filme wie „Los sonámbulos“ von Paula Hernández brauchen eine multinationale digitale Vertriebsform.

          4 Min.

          In Argentinien ist es zu Silvester heiß. Wie in allen Ländern auf der Südhalbkugel fällt der Jahreswechsel in die warme Jahreszeit. Ein verwinkeltes Haus inmitten dichter Vegetation ist wahrlich nicht die schlechteste Idee, um diese Tage zu verbringen. Aber im Film „Los sonámbulos“ (Die Schlafwandler) von Paula Hernández gehört zu einem solchen Haus auch eine verwinkelte Familie: drei Generationen in einem Verhältnis unterschiedlicher Abhängigkeiten, Begehrlichkeiten, Heimlichtuereien und Rivalitäten. Verstärkt werden die Spannungen noch dadurch, dass Luisa kurz davor ihre Tochter Ana beim Schlafwandeln ertappt hat: Nackt stand das Mädchen im Raum, geschützt nur durch diesen magischen Bann, den der Somnambulismus mit sich bringt, der aber eben mit dem Aufwachen zerbricht. Nebenbei hat Luisa in dieser Nacht auch bemerkt, dass Ana bereits menstruiert. Ihre Tochter ist zur Frau geworden. Bei dem Familientreffen wird man sie aber weiterhin zu den Kindern tun müssen, da gibt es nur zwei Gruppen, die Großen und die Kleinen.

          Die Überraschung in „Los sonámbulos“ ist dann, dass noch jemand auftaucht, der in diese Unterscheidung nicht passt: Alejo, der Sohn des Bruders von Anas Vater, ein junger Provokateur. Eines der Themen des Films ist damit deutlich etabliert: die Sexualität als Befreiung aus den eingefahrenen Wegen der Erwachsenen. Ana nähert sich diesen Möglichkeiten zunächst einmal aus der Distanz. Mit ihrem Telefon macht sie heimliche Aufnahmen von Alejo, der nackt in einem nahe gelegenen Teich badet. Später wird sie ihm bei einem Lagerfeuer näherkommen, inmitten der anderen Kinder, denn auch er wird noch zu der Gruppe gezählt, die eine Nacht im Freien verbringen darf, während die Erwachsenen bei Drinks und Zigaretten darüber streiten, was mit dem Haus der Großmutter geschehen soll.

          Ein Arthouse-Film in Reinkultur

          Paula Hernández verleiht diesen Diskussionen eine zusätzliche Dimension dadurch, dass „Haus“ hier nicht nur das konkrete Gebäude meint, sondern auch den Familienbetrieb: einen Verlag, von dem nicht minder unklar ist, wie damit weiter zu verfahren ist. Emilio, der Vater von Ana, ist in den meisten praktischen Fragen derjenige, der mit einer klaren Meinung hervortritt. Er will das Haus nicht verkaufen, und er will auch nicht, dass Alejo in dem Verlag zu arbeiten beginnt, wie es dessen Vater vorschlägt, der anscheinend so etwas wie der kreative Leiter des Hauses ist. Es soll keine Versorgungsanstalt werden, ohnehin sind wohl die wirtschaftlichen Umstände gerade nicht so rosig. Es gibt aber noch einen Aspekt, der die verlegerischen Angelegenheiten sehr persönlich werden lässt: Luisa, Emilios Frau, will nicht mehr als Übersetzerin arbeiten. „Ich schreibe wieder“, verkündet sie und deutet damit eine Vorgeschichte an, die Paula Hernández wie so vieles nicht bis ins Letzte ausbuchstabiert.

          „Los sonámbulos“ ist in vielerlei Hinsicht ein Arthouse-Film in Reinkultur. Die Ereignisse rund um einen Jahreswechsel nehmen sich aus wie ein zeitlicher Schnitt durch eine ganze Kultur, eine Radiographie mit den Mitteln des Kinos. Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich zu einem dichten Gewebe, das viele Rückschlüsse erlaubt, das man aber zerschneiden müsste, wenn man Genaueres erfahren wollte. Wo war Alejo die paar Jahre, die Ana ihn nicht gesehen hatte, nachdem sie in der Kindheit wohl einmal sehr vertraut mit ihm gewesen war? Ist die Ehe zwischen Luisa und Emilio vielleicht vor allem durch eine Dynamik zwischen Pragmatik und (versiegter) Kreativität bestimmt? Hernández gibt ihre Hinweise dezent, aber immer wieder in Szenen, die eine große Filmemacherin erkennen lassen, die allerdings mit minimalen Registern arbeitet: Die Kamera ist meist nahe an den Figuren, so dass mit Vordergrund und unschärferem Hintergrund immer wieder so etwas wie visuelle Choreographien entstehen. Luisa und Ana beim Anziehen ihrer Badeanzüge, Emilio bei einem Versuch, seine Frau zu verführen, was diese zuerst zurückweist, dann aber, wie in einer Parodie, wiederholt, so dass die Distanz zwischen ihnen erst recht unüberbrückbar erscheint.

          Das Ungenügen vieler Bemühungen

          „Los sonámbulos“ hatte nach seiner Premiere auf dem Filmfestival von Toronto im September 2019 noch eine Reihe weiterer Festivalstationen. Unter normalen Umständen wäre ein Verleih in Deutschland denkbar gewesen, nun aber kommt nur ein digitaler Start in Frage, und zwar in besonderer Form. Die Schweizer Stiftung Trigon, seit Jahrzehnten besonders um das Kino aus der früher sogenannten Dritten Welt bemüht, macht „Los sonámbulus“ über die Plattform Filmingo auch für Deutschland und Österreich zugänglich. 55 Filme aus 24 Ländern findet man dort insgesamt, darunter einen spannenden Dokumentarfilm über Jorge Luis Borges von Tristan Bauer aus dem Jahr 2000 oder auch „Yaaba“ (1989) von Idrissa Ouedraogou, ein zentrales Werk des afrikanischen Kinos. 55 Filme sind eine ganze Menge, durchschnittliche Kinofreunde hätten damit wahrscheinlich ein Jahr oder gar länger gut zu tun. Man kann bei Filmingo im Abo schauen oder einzelne Filme für den Preis einer billigen Kinokarte buchen.

          So verdienstvoll dieses Angebot ist, es macht allerdings auch das Ungenügen vieler Bemühungen in Europa deutlich, mit der Digitalisierung des Kinoangebots zurechtzukommen. Denn tatsächlich sind Filmingo und zahlreiche vergleichbare kleine Plattformen natürlich in einem aussichtslosen Rennen mit den großen amerikanischen Anbietern, die sich noch dazu die Appetithappen auch aus dem Arthouse-Bereich schnappen. Zuletzt etwa Netflix mit „Was wir wollten“ von Ulrike Kofler, der österreichischen Verfilmung einer Erzählung von Peter Stamm, mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barek in den Hauptrollen.

          Lücke im Betrieb

          Ein Blick auf die Buchbranche könnte helfen, der unstrukturierten Graswurzelpolitik der audiovisuellen Anbieter in Europa plausiblere Gestalt zu geben. Verlage sind ja ähnlich vielfältig wie Filmverleiher aufgestellt, es gibt Konzerne und Liebhaberbetriebe. Für den elektronischen Vertrieb hat man aber mit dem E-Reader Tolino eine Form geschaffen, die sogar Amazon Paroli bieten kann: eine übergreifende Struktur, in die lokale Buchhandlungen eingebunden sind und die sowohl auf eigenen Lesegeräten als auch auf Telefon oder Laptop (weitgehend) gut funktioniert.

          Es wäre zu wünschen, man hätte für Filme ein vergleichbares Instrument. Denn de facto klafft derzeit eine große Lücke im Betrieb: Die Berlinale beispielsweise präsentiert Jahr für Jahr mehr als dreihundert Filme. Ein großer Teil davon verschwindet danach wieder, und es sind keineswegs die uninteressanten Titel, für die es keine adäquate Auswertung gibt. Die Lösung liegt nahe: eine europaweite Plattform, die auch Titel aus aller Welt aufnehmen kann und zu der sich kleine Initiativen wie Filmingo nicht einmal zusammenschließen müssten. Sie müssten sie nur als Plattform benützen können, auf der sie sich präsentieren können – mit durchaus spezifischen Lizenzierungen wohl auch, im Idealfall aber eben mit europäischer Verbreitung. Das würde den Markt mit den Filmrechten verändern. Wenn man aber weiß, dass derzeit bedeutendste Titel für zum Teil nur dreistellige Beträge (!) für ein Land gehandelt werden, ist klar, dass die Summen, die in Europa für die Produktion von Filmen aufgewendet werden, eine Entsprechung in den Bemühungen um die Verbreitung dieser Filme brauchen. „Los sonámbulos“, eine Schweizer Koproduktion, ist nur eines von vielen Beispielen, das in diese Richtung weist.

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