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Neuer Film von Paula Hernández : Traumwandeln ist keine Lösung

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Das Ungenügen vieler Bemühungen

„Los sonámbulos“ hatte nach seiner Premiere auf dem Filmfestival von Toronto im September 2019 noch eine Reihe weiterer Festivalstationen. Unter normalen Umständen wäre ein Verleih in Deutschland denkbar gewesen, nun aber kommt nur ein digitaler Start in Frage, und zwar in besonderer Form. Die Schweizer Stiftung Trigon, seit Jahrzehnten besonders um das Kino aus der früher sogenannten Dritten Welt bemüht, macht „Los sonámbulus“ über die Plattform Filmingo auch für Deutschland und Österreich zugänglich. 55 Filme aus 24 Ländern findet man dort insgesamt, darunter einen spannenden Dokumentarfilm über Jorge Luis Borges von Tristan Bauer aus dem Jahr 2000 oder auch „Yaaba“ (1989) von Idrissa Ouedraogou, ein zentrales Werk des afrikanischen Kinos. 55 Filme sind eine ganze Menge, durchschnittliche Kinofreunde hätten damit wahrscheinlich ein Jahr oder gar länger gut zu tun. Man kann bei Filmingo im Abo schauen oder einzelne Filme für den Preis einer billigen Kinokarte buchen.

So verdienstvoll dieses Angebot ist, es macht allerdings auch das Ungenügen vieler Bemühungen in Europa deutlich, mit der Digitalisierung des Kinoangebots zurechtzukommen. Denn tatsächlich sind Filmingo und zahlreiche vergleichbare kleine Plattformen natürlich in einem aussichtslosen Rennen mit den großen amerikanischen Anbietern, die sich noch dazu die Appetithappen auch aus dem Arthouse-Bereich schnappen. Zuletzt etwa Netflix mit „Was wir wollten“ von Ulrike Kofler, der österreichischen Verfilmung einer Erzählung von Peter Stamm, mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barek in den Hauptrollen.

Lücke im Betrieb

Ein Blick auf die Buchbranche könnte helfen, der unstrukturierten Graswurzelpolitik der audiovisuellen Anbieter in Europa plausiblere Gestalt zu geben. Verlage sind ja ähnlich vielfältig wie Filmverleiher aufgestellt, es gibt Konzerne und Liebhaberbetriebe. Für den elektronischen Vertrieb hat man aber mit dem E-Reader Tolino eine Form geschaffen, die sogar Amazon Paroli bieten kann: eine übergreifende Struktur, in die lokale Buchhandlungen eingebunden sind und die sowohl auf eigenen Lesegeräten als auch auf Telefon oder Laptop (weitgehend) gut funktioniert.

Es wäre zu wünschen, man hätte für Filme ein vergleichbares Instrument. Denn de facto klafft derzeit eine große Lücke im Betrieb: Die Berlinale beispielsweise präsentiert Jahr für Jahr mehr als dreihundert Filme. Ein großer Teil davon verschwindet danach wieder, und es sind keineswegs die uninteressanten Titel, für die es keine adäquate Auswertung gibt. Die Lösung liegt nahe: eine europaweite Plattform, die auch Titel aus aller Welt aufnehmen kann und zu der sich kleine Initiativen wie Filmingo nicht einmal zusammenschließen müssten. Sie müssten sie nur als Plattform benützen können, auf der sie sich präsentieren können – mit durchaus spezifischen Lizenzierungen wohl auch, im Idealfall aber eben mit europäischer Verbreitung. Das würde den Markt mit den Filmrechten verändern. Wenn man aber weiß, dass derzeit bedeutendste Titel für zum Teil nur dreistellige Beträge (!) für ein Land gehandelt werden, ist klar, dass die Summen, die in Europa für die Produktion von Filmen aufgewendet werden, eine Entsprechung in den Bemühungen um die Verbreitung dieser Filme brauchen. „Los sonámbulos“, eine Schweizer Koproduktion, ist nur eines von vielen Beispielen, das in diese Richtung weist.

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