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Kolumne „Bild der Woche“ : Verschleierte Männer

  • -Aktualisiert am

„Beker, Neukölln 2009“. Aus Loredana Nemes’ Ausstellung „Gier Angst Liebe“, Berlinische Galerie, 22.6. bis 15.10.2018 Bild: Loredana Nemes

In vielen Lokalen in Berliner Einwanderervierteln versammeln sich nur Männer. Sie trinken Tee, schauen Fußball, sprechen, spielen. Loredana Nemes hat sie lange beobachtet – und gebeten, sie von außen fotografieren zu dürfen.

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          Drei Männer schauen uns an. Hinter den dicken Glasscheiben und Spitzenvorhängen sind ihre Gesichter kaum zu erkennen. Man ahnt sie eher, als dass man sie sieht. Unsere kulturelle Gefangenschaft suggeriert uns, sie seien bedrohlich. Ich finde sie schön, selbst in dieser Ahnung. Die Männer schauen hinaus, sie geben sich Mühe, den Betrachter zu erkennen, als wäre die Annäherung von beiden Seiten gewünscht. Die Fotografin kennt ihre Namen. Beker, Fatih, Ünal. Sie bezeichnet sorgfältig die Identitäten, verhüllt aber fotografisch ihre Gesichter.

          In vielen türkischen oder arabischen Lokalen in Kreuzberg, Neukölln und Wedding versammeln sich nur Männer. Sie trinken Tee, schauen Fußball, sprechen und spielen. Sie sitzen hinter den milchigen Scheiben ihrer Männer-Cafés und bleiben für die Passanten, die an ihren Leben vorbeilaufen, unzugänglich, beinah unsichtbar. Viele von uns leben neben diesen Orten, kommen aber kaum in Berührung mit ihnen. Loredana Nemes hat – im Versuch einer Annäherung – diese Fremdheit fotografiert. In der Serie „beyond“ hat sie die Gäste dieser Lokale, die für sie als Frau unzugänglich sind, unter der Lupe ihres eigenen Verstecks dargestellt.

          Neun Monate hat sie Glasscheiben und Eingänge von Cafés, Tee- und Gemeindehäusern aus der Distanz fotografiert. Man kann auf diesen Fotos die Figuren hinter den Scheiben, ihre vagen Formen erkennen, auch Zimmerpflanzen, manchmal eine Hand oder ein Bild, aber keine Gesichter.

          „Fatih, Kreuzberg 2009“
          „Fatih, Kreuzberg 2009“ : Bild: Loredana Nemes

          Neun Monate braucht man, um ein Kind auszutragen, neun Monate blieb Loredana Nemes auf Distanz zu den fremden Männern und fremden Orten, erst dann war sie bereit, ihnen näher zu kommen. Als wäre es notwendig, auch die Annäherung auszutragen. Dann bat sie einige der Männer, die in den Cafés saßen, an die Scheibe zu kommen und hinauszublicken. Loredana klopfte an die Scheibe, die Männer kamen ganz nah an sie heran, hielten für Sekunden still, und sie hat sie durch die Scheibe fotografiert. So entstanden auch diese drei Bilder – als Teil einer größeren Reihe. Nicht Gesichter kamen zum Vorschein, sondern Textur, die Grenze zwischen der Fotografin und ihrem Objekt. Die Glasscheiben mit ihren verschiedenen Mustern und Dekorationen sprechen anstelle der Männer, sie verleihen ihnen Gesicht und Charakter. Sind wir das, die diese Männer verschleiern?

          Die Membran wird zum Helden der Betrachtung, zum gesellschaftlichen Zerrspiegel. Ein leicht verziertes Glas, die Spitzen. Die Männer erscheinen wie aus einem Katalog der Gestalten, aus einer Kunstkammer, einer unheimlichen Maskerade aus dem „Jenseits“: Der erste, auf den Stuhl gelehnt, schimmert durch die Scheibe wie auf dem Grabtuch Christi, der zweite wie eine Braut, die sich mit einem Spitzenvorhang schmückt, verschleiert und versteckt, der dritte ist kariert, als wäre er zweimal gefangen, in einem endlosen Netz, einmal hinter der Scheibe und nochmals in all den kleinen Quadraten des Musters. Kann man selbst frei schauen, wenn man nicht frei angeschaut wird? Spiegelt diese Scheibe unsere eigene Unfähigkeit wider, Menschen ins Gesicht zu schauen?

          „Ünal, Neukölln 2009“
          „Ünal, Neukölln 2009“ : Bild: Loredana Nemes

          Die Männer blicken nach draußen wie der Froschprinz aus dem Aquarium, bleiben aber wie durch böse Kräfte verzaubert. Auch die Kamera mit all ihrer Zauberkraft kann sie nicht zurückverwandeln, den Schleier heben. Die Scheibe verleiht den Männern unentzifferbare Gesichter. Sie bleiben ein Geheimnis. „Beyond“ ist eine Studie über die Fremdheit der fremden Männer oder die Fremdheit an sich, ein mutiger Versuch, die Grenzen der menschlichen Annäherung zu zeigen.

          Letztlich bleibt unklar, ob die Männer verschleiert sind oder unser Blick, der im Versuch einer Annäherung über seine eigene Verschleierung nicht hinauskommt, in den Spitzen hängenbleibt. Die Bilder sind konkret und höchst metaphorisch zugleich. Auch das technische Verfahren wird zum Symbol. Die Fotografin ist eine Frau, die die Männer „untersucht“, und sie ist auch „verschleiert“: Sie fotografiert mit einer Linhof-Großformatkamera, mit einem Tuch über dem Kopf. Kommt sie den Männern dadurch näher? Oder sind sie sogar in ihrer Fremdheit „quitt“?

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