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Londons neuer Wolkenkratzer : Im eleganten Glaskleid

  • -Aktualisiert am

Himmelsgrößenordnungen: der neue „Shard“-Wolkenkratzer, rechts (in der Vollbildansicht) die Kuppel der St. Paul’s Cathedral Bild: REUTERS

Phallisches Ungetüm oder Form und Funktion in schönster Symbiose? An Renzo Pianos Turm scheiden sich die Geister. Jetzt wird „The Shard“ in London eröffnet.

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          Gemessen am Burj Khalifa in Dubai, ist Renzo Pianos sogenannte „Scherbe“ am südlichen Ufer der Themse ein Zwerg. Selbst das vor mehr als achtzig Jahren gebaute Chrysler-Gebäude in New York ist höher. Mit 310 Metern und 95 Stockwerken setzt Pianos in einer zerklüfteten kristallinen Spitze mündender Wolkenkratzer, der mit einem Laserspektakel eingeweiht wird, jedoch einen vorübergehenden Rekord in der Europäischen Union und erhitzt die Gemüter.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In den drei Jahren, in denen sich der pyramidale Turm zum Himmel emporrankte und seine dominante Präsenz im Stadtbild behauptete, musste das neue Wahrzeichen der Hauptstadt für allerlei Deutungen herhalten. Die einen erklärten es zum Symbol von Dynamik und großstädtischem Selbstvertrauen, die anderen sahen darin den Inbegriff von Habgier und kapitalistischer Dekadenz, von anarchischer Stadtplanung, von Macht, Hybris und dem internationalen Bedürfnis, dem anderen stets eine Nasenlänge voraus zu sein, wodurch der Begriff „Penisneid“ und lauter damit zusammenhängende erotische Metaphern ins Spiel gebracht wurden, bis hin zur Behauptung, der „phallische“ Bau sei als Sinnbild unseres verzerrten Wertesystems ein Merkmal der „erektilen Dysfunktion“ unserer Gesellschaft.

          Zurück zur urbanen Dichte

          Die Erregung begann vor zwölf Jahren. Ursprünglich war ein weniger renommierter Architekt vorgesehen, aber der Bauträger hat erkannt, dass er seinen Wolkenkratzer nur gegen die für die Bewahrung der Londoner Stadtsilhouette kämpfenden Kritiker durchsetzten könne, wenn der Entwurf qualitativ überzeuge. Renzo Piano soll den ersten Einfall für seine „vertikale Stadt“ auf der Papierserviette eines Berliner Restaurants skizziert haben, wo ihn der Bauträger für sein Vorhaben gewann. Die Denkmalschutzorganisation „English Heritage“ stellte sich an die Spitze des Widerstands mit dem Argument, dass der Wolkenkratzer berühmte Ausblicke auf das Stadtpanorama beeinträchtige und Wrens Paulskathedrale in den Schatten stelle, die, zumal als trotziges Symbol nationalen Durchhaltens im Zweiten Weltkrieg, einen besonderen Platz im britischen Bewusstsein einnimmt.

          Ein Spitze entsteht: Im April setzten Arbeiter Glasscheiben auf den Turm Bilderstrecke
          Ein Spitze entsteht: Im April setzten Arbeiter Glasscheiben auf den Turm :

          Eine öffentliche Anhörung ging jedoch zugunsten des Bauträgers aus. Ihm half, dass die offizielle Städtebaupolitik zum Schutz des Grüngürtels die Parole ausgegeben hatte: „Hoch bauen statt raus.“ Über die Jahrhunderte hat London seine Fangarme in die umliegende Landschaft ausgestreckt. Das heutige Denken bevorzugt stattdessen eine Rückkehr zur urbanen Dichte. In diesem Sinne hieß das Bürgermeisteramt Hochbauten in unmittelbarer Nähe von öffentlichen Verkehrsmittelknotenpunkten gut.

          Kürzung aus Sicherheitsgründen

          Pianos Turm erhebt sich in seinem elegant facettierten Glaskleid aus dem engen Geflecht von Straßen und Eisenbahnscheinen beim Bahnhof London Bridge, der fünfzig Millionen Nutzer im Jahr bedient. Obwohl rund siebentausend Menschen in „The Shard“ wohnen oder arbeiten werden, sind weniger als fünfzig Parkplätze vorgesehen. Das untere Drittel ist der Büronutzung vorbehalten. Darüber werden Restaurants und ein Fünfsterne-Hotel einziehen, und in den oberen Etagen stehen zehn Luxuswohnungen zum Verkauf für dreißig bis fünfzig Millionen Pfund pro Objekt: Mit dem Erlös ließen sich die Baukosten decken, deren Höhe auf 450 Millionen Pfund veranschlagt wird. Als Ausgleich für diese Exklusivität soll die Öffentlichkeit Zugang haben zum Observatorium mit dem Rundumblick, der bei klarer Sicht mehr als sechzig Kilometer weit reicht.

          Die ursprüngliche Höhe von fast 430 Metern wurde wegen der Flugsicherung reduziert. Bei der Planung mussten auch die seit den Terrorangriffen auf New York eingeführten Bau- und Brandvorschriften berücksichtigt werden.Der italienische Architekt sieht die Mischnutzung seines ökologisch effizienten Wolkenkratzers, in dessen Spitze sich ein „metaphysisches“ Meditationszimmer für bis zu vierzig Personen befindet, als Ausdruck intensiven innerstädtischen Lebens. Davon lassen sich die Kritiker nicht überzeugen.

          Sie wenden ein, dass der Turm die soziale Trennung veranschauliche, zumal er in einer der ärmsten Viertel der Stadt stehe: Die Wohnungen könnten sich allenfalls die Kataris leisten - zu deren wachsendem Londoner Immobilienportfolio der Wolkenkratzer denn auch gehört. Vergleiche zum Turmbau von Babel, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte, liegen allzu nahe. Die Ironie dabei ist, dass Arbeiter aus allen Erdteilen am Bau beteiligt waren, wie die Schilder in Punjabi, Polnisch, Russisch, Bulgarisch und mehr Sprachen bezeugen. So kann man in „The Shard“ auch einen Griff nach den Sternen sehen.

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