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Londoner Restaurantszene : Tony Blair beinahe festgenommen

  • -Aktualisiert am

Restautantüberraschung für den britischen Ex-Premier Tony Blair Bild: REUTERS

Ein Londoner Barmann hat versucht, den britischen Ex-Premier Tony Blair unter Berufung auf das Jedermann-Recht bei Verbrechen festzunehmen und vor den Richter zu bringen. So ganz klappte das nicht.

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          In dem modischen Ostlondoner Restaurant Tramshed hängt über den Köpfen der Speisenden eine in Formaldehyd eingelegte Kuh, auf deren Rücken nach der Art der Bremer Stadtmusikanten ein stolzer Hahn reitet. Das Auftragswerk von Damian Hirst signalisiert, was auf dem Menü steht: im Hauptgang ausschließlich Steak und Backhuhn.

          Der Vogel wird auf einer besonderen Platte serviert - aufrecht mitsamt Füßen und Krallen, die über dem Steiß zusammengezogen sind wie die Gelenke von Verhafteten, wenn ihnen Handschellen angelegt werden. Es ist nicht bekannt, welches Gericht Tony Blair wählte, als er am vergangenen Freitag mit einigen Freunden und Verwandten das Restaurant in der ehemaligen Stromversorgungsanlage der Straßenbahn besuchte. Doch darf man sich vorstellen, dass Twiggy Garcia, der dort als Barmann jobbte, den ehemaligen Premierminister gern mit Handschellen gesehen hätte.

          „Eine Jedermann-Festnahme für Verbrechen“

          Er behauptet, seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet zu haben, vom Anhalterecht privater Bürger Gebrauch zu machen und Blair als Kriegsverbrecher unter Arrest zu stellen. Nun befand er sich zur rechten Zeit am rechten Ort. Bevor er zur Tat schritt, vergewisserte er sich auf der Website arrestblair.org, die ein Kopfgeld auslobt für eine sogenannte Jedermann-Festnahme, der Vorgehensweise.

          Dort steht: „Die Methode, die wir empfehlen, ist, ruhig auf Herrn Blair zuzugehen, sanft eine Hand auf seine Schulter oder den Ellenbogen zu legen, damit er keinen Grund hat, sich zu beschweren, Sie hätten ihn verletzt oder eingezwängt, und laut zu verkünden: ,Herr Blair, dies ist eine Jedermann-Festnahme für Verbrechen gegen den Frieden, nämlich Ihren Beschluss, einen grundlosen Krieg gegen den Irak zu führen. Ich fordere Sie auf, mich zum Polizeirevier zu begleiten und zur Anklage Stellung zu nehmen.‘“

          Genau so sei er verfahren, erzählt Garcia. Mit der Ablehnung des am Kopfende sitzenden Blair habe er gerechnet, gesteht der junge Mann, doch es habe ihn überrascht, dass der Politiker versucht habe, ihn in eine Debatte zu verwickeln. Nicht umsonst müssen Universitätsstudenten die rhetorischen Mittel von Tony Blair studieren und analysieren, wie er sie einsetzt, um seine Argumentation zu untermauern.

          Blair legte Garcia nahe, sich Gedanken über Syrien zu machen, dieser wollte aber beim Irak-Krieg bleiben. Saddam sei doch ein brutaler Diktator gewesen, der entfernt werden musste, habe Blair räsoniert, bevor er wieder auf Syrien zu sprechen kam. Unterdessen hatte jemand die Sicherheitskräfte unten an der Bar alarmiert. Da machte sich Garcia aus dem Staub. Das Kopfgeld soll er nach Angaben des „Guardian“-Kolumnisten George Monbiot, der die Website „arrestblair“ betreibt, trotzdem beantragt haben. Monbiot unterscheidet nicht zwischen Kopfgeldjägern und Aktivisten. Hauptsache ist, das Thema im Gespräch zu halten nach dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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