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Kommentar : Mädchen heißen nicht mehr Mädchen

  • -Aktualisiert am

Mädchen werden Schülerinnen: An einer Londoner Mädchen-Schule sorgt das für sprachliche Verwirrung. Bild: dpa

Die Direktorin einer Londoner Mädchen-Schule hat ein Sexismus-Problem. Sie spricht jetzt nur noch von „Schülern“. Die Zukunft der „James Allen’s Girls’ School“ steht wohl in den Gender-Sternchen.

          „Girls will be girls“, und „Boys will be boys“ – aber nein, so einfach, wie das die Popmusik über Jahrzehnte herbeigesungen hat, ist das längst nicht mehr. Nicht etwa, weil jeder doch bitte mal erwachsen werden sollte, sondern weil „boy“ und „girl“ als Gender-Zuschreibungen problematisch sind. Das findet zumindest Sally-Anne Huang, die Direktorin einer Londoner Privatschule für Mädchen. Bedenklich genug, dass die James Allen’s Girls’ School die in Frage stehende Begrifflichkeit schon im Namen trägt, im schulischen Sprachgebrauch will Ms. Huang von „girls“ nichts mehr wissen und ersetzt die Bezeichnung für Mädchen durch „pupils“, was für Schüler oder Schülerinnen stehen kann.

          Würde sie eine deutsche Schule leiten, müsste es wohl Schülx oder Schüler* heißen. Oder Lernende, das spricht sich leichter, puffert gleich noch das böse Machtgefälle, das im Bias Lehrer-Schüler steckt, linguistisch ab. Sally-Anne Huang will, wie sie die „Sunday Times“ wissen ließ, mit ihrer sprachlichen Umorientierung verhindern, dass Transgender-Schülerinnen sich diskriminiert fühlen. Nun ist Einrede ein machtvolles pädagogisches Zwangsmittel, Handkes „Kaspar“ lässt grüßen, aber: Warum braucht es dann überhaupt noch eine Mädchenschule, wenn Gender und Sex als freie Variablen des Menschseins obsolet werden und sprachlich getilgt? Dann wäre doch wohl Koedukation oder eher Transedukation das Mindeste. Und fühlen sich womöglich Mädchen, die sich als Mädchen identifizieren, von der neuen Sprachregelung nicht diskriminiert?

          Unisexmode ist ein alter Hut

          Die Sorge darum, Kinderseelen durch Genderstereotype zu beschädigen, treibt indes auch die britische Kaufhauskette John Lewis um. Sie schaffte, zumindest was ihre eigene Kindermode betrifft, gleichfalls die Bezeichnungen „girl“ und „boy“ ab. Auf den Schildchen steht nun „Girls & Boys“ oder „Boys & Girls“ – über die Reihenfolge müsste man sicher diskutieren –, und die getrennten Sektionen für Jungs und Mädchen im Verkaufsraum sind passé. Ist das nun Ermutigung zur Genderemanzipation? Oder ein fragwürdiges Sozialexperiment mit nicht nur ökonomisch ungewissem Ausgang, weil sich die meisten Mädchen und Jungs erfahrungsgemäß nicht leicht vom Einheitslook überzeugen lassen? (Die Biologie schlägt zurück, sagen da die einen. Folge der bösen gesellschaftlicher Indoktrination, die anderen.)

          Unisexmode für Erwachsene ist ein alter Hut spätestens seit Marlene Dietrich Smoking trug, und dass kleine Jungs wie Mädchen angezogen wurden, war in Europa bis zum neunzehnten Jahrhundert Usus. Es hat die Knaben von damals nicht davon abgehalten, angry white men zu werden, wie die Geschichte lehrt. Was zeigt: Nicht nur Kleider machen Leute. Und Sprechakte alleine schaffen keine neuen Menschen. Das kann man nun beruhigend finden oder nicht, je nach Standpunkt. Die Zukunft steht in den Gender-Sternchen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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