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Gina Thomas (G.T.)

Shakespeare-Theater : Lump’ges Weib

  • -Aktualisiert am

Wie viel Modernität verträgt Shakespeare? Die Meinungen gehen da stark auseinander. Bild: AFP

Die künstlerische Direktorin des Londoner Globe Theatre ist mit viel Veränderungswillen angetreten. Doch nicht alles gefällt dem Verwaltungsrat – man trennte sich nun wieder von ihr.

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          Emma Rice ist mit der Mission angetreten, den steifen Mief der Tradition aus dem Londoner Globe Theatre zu verbannen. Bei ihrer Ernennung als künstlerische Direktorin des Hauses, das dem „hölzernen O“ aus der elisabethanischen Zeit nachempfunden wurde, um dem modernen Publikum ein möglichst authentisches Shakespeare-Erlebnis zu bieten, gestand sie, das – ihr wenig vertraute – Œuvre des Nationaldichters mitunter langweilig und schwer verständlich zu finden. Aus diesem Grund sprach sie sich für ein „polierendes Bearbeiten“ des Textes aus.

          Sie beklagte, dass nur sechzehn Prozent der fast tausend Figuren in Shakespeares Dramen Frauen seien und erklärte, eine Geschlechtergleichverteilung anstreben zu wollen. Folglich ließ sie in ihrer Debütinszenierung des „Sommernachtstraum“ nicht nur Droll von einer Frau spielen, sondern auch die „lump’gen Handwerksleute“. Da sie es jedoch nicht für plausibel hält, dass sich Helena sich trotz ihrer brutalen Abweisung am Ende des Stückes mit Demetrius versöhnt, hat Emma Rice daraus ein homosexuelles Paar gemacht und Helena in Helenus umbenannt, wobei man sich fragen muss, weshalb die Handlung dadurch glaubwürdiger erscheint.

          Die Disco-Feier einer Abiturklasse

          Mit dem Rollentausch, der mit dem etwas fadenscheinigen Argument legitimiert wird, zu Shakespeares Zeiten seien die weiblichen Figuren (notgedrungen) alle von Knaben gespielt worden, liegt Rice ganz im Trend. Er hat sich im Regietheater derart eingebürgert, dass es schon fast klischeehaft wirkt, einen weiblichen Hamlet zu erleben, oder Lear von einer Frau dargeboten zu bekommen, wie dies gerade am Londoner Old Vic Theater geschieht.

          In ihrem durch grelles Lichtwerk und verstärkte Klangeffekte aufgepeppten Sommernachtstraum hat Rice es nicht bei der Gendertheorie belassen, sondern auch im Text herumgepfuscht, um ihn relevanter zu machen. Aus der Zeile, „Away, you Ethiope!“ („Fort, fort! hinweg! Zigeunerin“) wurde, „get away from me, you ugly bitch“ („Hau ab, du hässliches Weib“). Die von Rice hinzugefügten Zeile, „warum diese Obsession mit dem Text?“, kam einem „ihr könnt mich mal“ gleich. Wer Missfallen äußerte, wie jener Kritiker, der für viele sprach, als er die Inszenierung mit der Disco-Feier einer Abiturklasse verglich, wurde triumphierend belehrt, dass die Menschen vor dem ausgebuchten Theater Schlange standen.

          Sieben Monate nach dem Amtsantritt von Rice kam mehr oder weniger gleichzeitig mit der Bekanntgabe ihres Spielplanes die Meldung, dass der Verwaltungsrat sich von ihr trenne – nicht etwa wegen der Freiheiten, die sie sich mit dem Text nehme. Im Gegenteil, sie wird ausdrücklich gelobt für ihren innovativen Beitrag, der dem Theater neues Publikum, starke Erträge und „enormen kreativen und kritischen Zuspruch“ gebracht habe. Das Gremium nimmt vielmehr Anstoß an der modernen Theatertechnik. Die Licht- und Klangeffekte stünden nicht im Einklang mit der Gründungsidee des Globe Theatre, das als radikales Experiment rekonstruiert worden sei, um die Verhältnisse zu erkunden, in denen Shakespeare gearbeitet hätte. Mit dem für 2018 angekündigten Weggang von Emma Rice werde man zurückkehren zur herkömmlichen Mischung aus natürlichem Licht und simuliertem natürlichen Licht. Kurios, dass die Hüter der Flamme derart im Bann des Zeitgeistes stehen, dass sie sich mehr über die Eingriffe in das nachgebildete Theater erzürnen als über die sprachliche Verfälschung Shakespeares.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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