https://www.faz.net/-gqz-6z93f

Londoner Buchmesse : Das letzte Gefecht hat schon begonnen

Schauplatz einer fatalistischen Buchmesse: Der Earls Court in London Bild: dpa

Die Londoner Buchmesse sieht schlechten neuen Zeiten entgegen: China und Amazon revolutionieren den Buchmarkt und die E-Book-Branche kämpft gegen Vertrauensverluste.

          4 Min.

          An diesem Bild kommt keiner vorbei. Es dominiert den Messestand des Verlags Little, Brown und zeigt die berühmteste Autorin der Welt, die sich anschickt, einen neuen Roman zu veröffentlichen. J.K. Rowling steht da, darunter der Buchtitel „The Casual Vacancy“. Das Porträt im Stil eines Renaissancefürsten zeigt eine dünne blonde Frau, deren Dekolleté eine massive dreifache Kette schmückt, die in goldenen Viertelkreisen auf mittige Kugeln zulaufen; an der linken Hand ein doppeltes Ringband mit Edelstein. Die Fingernägel sind im French-Look lackiert, die Manschetten der Bluse umgeklappt. Alles erdfarben Ton in Ton, in einer perfekten Balance kühler Eleganz. Hier thront die Königin des globalen Buchmarkts, aber ein wirkliches Messethema ist ihr Buch dennoch nicht.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das ist den neuesten Entwicklungen rund um Amazon und den angeblichen Preisabsprachen in Sachen E-Book vorbehalten. Keiner, der dazu nicht eine Meinung hätte, von apokalyptisch bis achselzuckend. Der Selbstvertrauensverlust der Branche ist immens, und so war die Podiumsfrage, ob die Branche im Jahr 2012 noch über ein nachhaltiges und zukunftsweisendes Geschäftsmodell verfüge, mehr als bloße Rhetorik. Eine Runde von Spitzenvertretern der Industrie gab darauf unterschiedliche, aber zunächst vertraute Antworten - näher an den Kunden, der Kunde entscheidet, gib dem Kunden, was der Kunde will - bis Richard Charkin (Bloomsbury Verlag) den Audible-Gründer Donald Katz frontal anging. Der rauflustige Büchermann warf dem wendigen Gründer des weltgrößten Hörbuchportals vor, er habe das jahrhundertealte Geschäftsmodell zwischen Autor und Verleger nachhaltig untergraben. Katz giftete bemüht höflich zurück, er befriedige nur auf direktem Wege die Kundenwünsche - wie könne ein Verlag es wagen, sich zwischen den Kunden und den Autor zu stellen?

          Mehr als ein totalitärer Anspruch

          Charkin hatte in seinem Statement behauptet, heute dominierten Algorithmen das Geschäft, früher seien es auch schon mal Alkorhythmen gewesen. Er spielte damit auf eine sagenumwobene Zeit der Verlegerei an, in der mit Bauchgefühl und Buchpreisbindung gewirtschaftet wurde. Diese Ära liegt im Vereinigten Königreich gerade einmal zwei Jahrzehnte zurück. Ein typischer Vertreter der neuen Generation ist etwa Edward Wilson von der Londoner Literaturagentur Johnson & Alcock. Als die Buchpreisbindung abgeschafft wurde, war er zehn Jahre alt; seit fünf Jahren ist der dreißigjährige Dynamiker im Buchgeschäft. Geradezu schwärmerisch beschreibt er die vielen neuen Chancen der Digitalzeitalters. Dass ein „Mommy Porn“ wie E.L. James’ Sadomaso-Roman „Fifty Shades of Grey“ sich als E-Book durchsetzt und dann für einen siebenstelligen Betrag von Random House Amerika gekauft wird, um als Buch verlegt zu werden, findet er umwerfend: „Das Buchgeschäft ist endlich ein Geschäft wie jedes andere auch“, sagt Wilson. Man müsse einfach härter arbeiten, früher hätten die Verleger dreistündige Mittagessen für normal gehalten.

          Die Normalität des Jahres 2012 sieht weniger märchenhaft aus. Der kleinteilige Buchmarkt versucht im Schlagschatten der vier Riesen Amazon, Apple, Google und Microsoft sein Habitat zu retten. Diese Firmen haben nicht nur einen totalitären Anspruch in der Kundenbindung angemeldet - sie sind auch dabei, ihn umzusetzen. Und es geht ihnen um viel mehr als nur um die Optimierung von Profiten. Dass ein gutes Geschäft immer eines ist, in der die Gegenseite auch noch Luft zum Atmen hat, scheint so einem Hausverstand geschuldet, der Welt- vor Geldanschauung setzte.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Eine hochschwangere Frau fasst sich mit beiden Händen an ihren Bauch.

          Zukunft von Femtech : Von Frauen für Frauen

          Gründerinnen aus aller Welt mischen die Technikwelt mit Produkten und Dienstleistungen für die weibliche Gesundheit auf. Was ist davon zu halten? Auch die sogenannte Femtech ist vor einer altbekannten Diskussion nicht gefeit.
          Mietwohnungen sollen in Zukunft erschwinglicher werden.

          Entwicklung in den Städten : Neue Hoffnung für Mieter

          Es zeichnet sich ein Wandel ab: Der Zuzug in die Städte lässt nach. Die Mieten steigen kaum noch und die Löhne wachsen. Wer hätte das gedacht! Trotzdem profitieren längst nicht alle davon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.